INJELEA

Coworking Mainz: 40 - 50 Plätze

Besuch im Coworking M1 (Mainz)

Lesezeit:  7 Minuten

Seit dem 18. Januar 2016 hat Mainz einen Coworking Space: Coworking M1. Einen Tag später bin ich dort. Ein Besuchsbericht.

Es ist Dienstag Nachmittag, und ich gehe von Zuhause in Selzen etwa 150 Meter bis zur Bushaltestelle in der Gaustraße. Ich fahre mit dem Bus etwa eine halbe Stunde bis zum Mainzer Hauptbahnhof. Das Geschaukele stört mich schon etwas, meine Erkältung ist noch nicht ganz weg, meine Gleichgewichtsorgane protestieren – aber die Busverbindung ist praktisch, der Bus fährt regelmäßig. Vom Mainzer Hauptbahnhof gehe ich noch fünf Minuten bis zu … ja, wohin eigentlich?

Coworking Mainz: Die Mauer

Coworking Mainz: Die Mauer

Ein paar hundert Meter links an der Bahnlinie entlang in Richtung Norden liegt ein “Brachgebiet”, in dem fast alle Gebäude und Einrichtungen abgerissen sind. An einem einzelnen, alleine stehenden Haus der Bundespolizei an der Mombacher Straße führt rechts eine Straße in das Gelände. Ein Straßenschild suche ich vergeblich. Ein Stückchen weiter die Straße ohne Namen entlang steht ein längliches Gebäude. Hier wurden wohl früher Waren umgeladen oder vielleicht sogar gelagert. Unsicher gehe ich an einer einsam stehenden Mauer entlang zu so etwas wie dem “Hauptgebäude”. Die Hallen hinter der Mauer gibt es nicht mehr. Das große Gebäude an der Straße ohne Namen ist in Folie gewickelt, ich sehe keinen Eingang. Irgend jemand – er ist wie ich in dicke Kleidung gepackt – zeigt mir einen Eingang an der Seite.

Der Haupteingang ist noch durch die Folie verhängt” und “Die Stadt Mainz hat der Straße noch keinen Namen gegeben”, wird mir Florian Hupf etwas später erklären. Auf der Kontaktseite des Coworking M1 steht als Adresse “Mombacher Straße 2a”, das einsame Haus der Bundespolizei hat die Hausnummer 2.

Coworking?

Ein Coworking Space sind Räumlichkeiten, die einem typischen “Online-Worker” so etwas wie eine Vollausstattung bieten: Strom, Kaffee, Tee, Wasser, Drucker, Kopierer, einen Platz zum Arbeiten, eine möglichst angenehme Atmosphäre und natürlich: Internet/WLAN, so schnell wie möglich. Je nach Preismodell hat ein Coworking Space für den Coworker zusätzlich oder inklusive noch eine Postadresse, einen festen Arbeitsplatz in einem festen Raum, die Teilnahme an Veranstaltungen, weitere Getränke wie Bier und weitere Leistungen. Was bei allen Coworking Spaces inklusive ist und einen besonderen Reiz darstellt: Den Austausch mit gleich und ähnlich Gesinnten in der Kaffee-/Teepause oder beim Kickern oder auf der Terrasse in der Pause.

M1?

Wer “M1” in einem Wort ohne Pause dazwischen ausspricht, bekommt den Aha-Effekt. “Meins” mit “ai” und “z” = Mainz.

Coworking M1

Als ich durch einen Nebenraum das Coworking M1  betrete und in die “Austauschzentrale”, einem großen Raum mit Tischen, Bänken und einer großen Küche, gelange, springt Florian Hupf auf und begrüßt mich. Im Dezember war ich bei Best-of-Mainz.com auf das Coworking Mainz aufmerksam geworden (Neu in Mainz: Coworking am Hauptbahnhof – innovative Arbeitsumgebung für Freiberufler und Unternehmer entsteht).

Evangelischer Friedhof in Selzen (Park)

Evangelischer Friedhof in Selzen (Park)

Coworking, so etwas hatte ich schon lange in Mainz vermisst. In Wiesbaden gibt es den Heimathafen, aber das ist mir einfach zu weit. Mein Home Office ist angenehm, der Kaffeeautomat nur acht Meter vom Schreibtisch enfernt, bei warmem Wetter setze ich mich auf die Terrasse, und manchmal setze ich mich auf die Bank in “unserem Park”, dem (nicht mehr als solchen genutzten) Friedhof der evangelischen Kirche direkt neben dem Haus. Auch dort habe ich noch WLAN von unserem Router im Wohnzimmer. Doch manchmal fällt mir die Decke auf den Kopf, und ich brauche Impulse von außen. Etwas anderes sehen, Small Talk mit anderen. So fahre ich manchmal hinein nach Mainz und suche mir ein Café.

Doch wir sind in Deutschland, und die Störerhaftung bei öffentlichen WLANs ist einer der Totschläger für die digitale Transformation der Gesellschaft. Immerhin bin ich gerne im Baristas Coffee Heroes an der Römerpassage (mit WLAN), im Ballplatzcafé (mit WLAN, fragen!) und im Altstadtcafé (demnächst auch mit Freifunk!) von Katja. Während ich dies hier am Freitag schreiben werde, werde ich übrigens in Ingelheim in der Bäckerei Lüning in der Bahnhofstraße sitzen und mit dem öffentlichen WLAN der Stadt Ingelheim mit gefühlten 0,2 MBit/s online sein. Doch nicht nur das schnelle Internet sondern insbesondere den Austausch mit gleich und ähnlich Gesinnten über das Neuland, Kommunikation, PR, Digitalien, Gesellschaft oder ähnlichem bieten mir diese Cafés in Rheinhessen nicht.

Coworking Mainz: 40 - 50 Plätze

Coworking Mainz: 40 – 50 Plätze

So bin ich also sehr gespannt auf Coworking Mainz. Anfang Januar hatte ich etwas über Coworking M1 getwittert, und Florian hatte mich per Direct Message kontaktiert und sich bedankt. Wir vereinbarten einen Termin, an dem ich mich einfach einmal umschauen wollte. Und jetzt bin ich hier. Florian ist gut gelaunt, fast euphorisch. Im großen Coworking Raum für 40 bis 50 Coworker stehen die Tische, die Stromsteckdosen-Würfel hängen schon von der Decke und warten auf die ersten Stecker. Noch ist der Blick auf die Bahnstrecke von der Außenfolie verhüllt, und in diesem langgestreckten Raum arbeitet noch niemand. Links und rechts neben der Hausmitte sind jeweils große Räume für Seminare oder Veranstaltungen. Die Handwerker sind noch zugange. Auch im Keller wird noch gearbeitet. In einem großen Raum wird es abschließbare Depots geben. Die Toiletten im Keller sind so gut wie fertig. Es gibt einen Raum mit einer Dusche. Die Räume können noch nicht alle wirklich durchgehend genutzt werden.

Doch bei Coworking M1 rast bereits das Internet. “Wir haben hier schnelle Glasfaseranbindung!” verspricht mir Florian. Ein Investor entwickle das Areal mit vielen unterschiedlichen Unternehmen. Ein Hotel und einen Parkplatz werde es auch geben.

Coworking Mainz: Im 1. Stock

Coworking Mainz: Im 1. Stock

Coworking Mainz: Küche

Coworking Mainz: Küche

Bei Coworking M1 sind im ersten Stock weitere Räume. Dort sind schon die ersten Coworking-Mieter, und das Unternehmen Drivve hat sich fest eingemietet. Im Erdgeschoss in der Mitte des Gebäudes ist die Küche fast fertig. Kaffeeautomat, Wasserkocher, Tee, Wasserspender, Kochflächen, Herd: Alles (nicht nur) für den Nerd. Nach unserem Rundgang sitzen Florian und ich auf den geschreinerten Bänken vor der Küche und unterhalten uns. Am nächsten Tag wird (vermutlich) Florian stolz twittern:

Genossenschaft für alternatives Wirtschaften

Florian war auch bei Drivve. Jetzt ist er in der Genossenschaft, wie auch Thomas Hahner, der irgendwann ankommt. Wir kennen uns, meint er: “Stuttgart? … Work-Life …?” Ja, ich erinnere mich irgendwie an ihn. Ansonsten verlässt mich zuverlässig wie oft mein Namens- und Ereignisgedächtnis. Ich weiß nicht mehr, ob es bei einem LifeWorkCamp oder bei einem EnjoyWorkCamp war. Aber dieser Einstieg zeigt mir, dass “Wir anderen” immer mehr werden.

Coworking M1 ist ein Projekt der Genossenschaft Synthro:

Die Genossenschaft „Synthro“ ist ein Zusammenschluss von Unternehmern, Privatleuten und Experten aus verschiedenen Branchen und Fachrichtungen, die sich ein gemeinsames Ziel gesetzt haben:

Menschen für alternative Formen des Wirtschaftens begeistern sowie Menschen mit guten Ideen fördern, unterstützen und zusammenbringen.

Nach unserer Überzeugung ist der bewusste und verantwortungsvolle Umgang mit Ressourcen und eine auf Partizipation, Fairness und Gemeinwohl ausgerichtete Unternehmensphilosophie die Grundlage für die Ökonomie der Zukunft.

[ Synthro e.G. – Über uns ]

Die Genossenschaftler der Synthro e.G. haben ernst gemacht und sich zusammengeschlossen, um anders zu arbeiten, anders zu denken und nachhaltig zu sein. “Das kommt!” meint Florian, alles sei sich am Verändern. Ich stimme ihm zu. Ich selbst warte seit mehreren Jahren auf die Veränderung und merke derzeit tatsächlich, wie sich etwas verändert. Auch wenn die alte, reaktionäre Welt (die dunkle Macht?) noch stark ist und sich wehrt durch Verharren. Es ist alles nur eine Frage der Zeit, denke ich. Ich bin fast 55 – irgendwie fühle ich mich nach jahrelangem Warten trotz der Zeichen der Zeit ungeduldiger denn je.

Full Ops – Volle Einsatzbereitschaft

Florian ist jung, schätzungsweise noch in den Zwanzigern oder nicht viel darüber (ich glaube, ich habe vergessen, ihn nach seinem Alter zu fragen). Als ich ihn frage, wann Coworking Mainz denn voll einsatzbereit sei, meint er vehement “Wir sind einsatzbereit!” Ich glaube, ich bin selbst etwas eingerastet im Denken. Natürlich sind sie einsatzbereit. Die Einsatzbereitschaft ist nur noch nicht überall im ganzen Haus zur gleichen Zeit verbreitet.

The future is already here — it’s just not very evenly distributed.
William Gibson

Am vergangenen Wochenende war die erste Veranstaltung im Coworking Mainz, ChangeMakerSpace, mit dem Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling als Schirmherr.

Es wird weitere Veranstaltungen im Coworking M1 geben. Im Frühjahr wird hier das VinoCamp Rheinhessen stattfinden. Die großen Räume können für Konferenzen und Meetings gemietet werden. Am nächsten Tag werde ich mich dabei ertappen, beim Treffen der deutschen “Working Out Loud”-Community laut über ein “wolCamp” im Coworking M1 nachzudenken.

Florian erläutert mir die Preis-/Leistungsmodelle von Coworking Mainz. Ein Tagesticket für 25 Euro erscheint mir für mich fair und attraktiv. Das monatliche 10er-Ticket kann ich nicht ausnutzen. Eine Mitgliedschaft koste 45 Euro im Monat und enthalte eine Postadresse, ein Tagesticket pro Monat sowie die Teilnahme an Veranstaltungen. Von Zuhause aus oder wenn man angekommen sei, könne man sich als Mitglied einfach auf der Website einbuchen.

In den nächsten Tagen werde ich es nicht zum Coworking Mainz schaffen, meine ich zu Florian. Aber so etwa Mitte Februar, dann würde ich wieder kommen. Florian ist sicher, sie seien dann fertig mit den Arbeiten. Und Mitte Februar wäre dann wohl so etwas wie eine Einweihungsfeier fällig. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, in seinen Augen ein Glühen zu sehen.

Thomas treibt eine Sektflasche auf, er will auf die Küche anstoßen. Florian fragt mich, ob ich denn nicht auch mitanstoßen möchte? Doch die Erkältung hat mich noch im Griff, und so langsam muss ich wieder weg.

Coworking Mainz: An der Bahnstrecke

Coworking Mainz: An der Bahnstrecke

Coworking Mainz: Straße ohne Namen

Coworking Mainz: Straße ohne Namen

Als ich wieder in Richtung Bahnhof durch die Kälte trotte (ach was, fünf Minuten sind das doch nur!) grübele ich darüber nach, wie oft ich wohl im Coworking Mainz sein werde. Ich weiß es einfach noch nicht. Ich drehe mich kurz um und blicke zurück. Eines weiß ich ganz bestimmt:

I’ll be back!

Meine Schritte werden schneller. Ich muss jetzt dringend einen Spiegel finden. Vorsichtshalber. Wer weiß, vielleicht ist dieses Glühen in den Augen ansteckend.

Nachtrag (27.01.2016)

Ab 1. Februar sind alle Räume verfügbar:

4 Responses

  1. Bei Gelegenheit muss ich dort auch mal vorbeischauen. Entweder zu einer der Veranstaltungen oder zum Probe-Coworken. Danke jedenfalls für den ausführlichen Bericht!

  2. Pingback : INJELEA-Lesenswertes 14. Februar 2016 - INJELEA Blog

  3. Pingback : Bus, Zug, S-Bahn, Straßenbahn oder Auto? | Der Schreibende

%d Bloggern gefällt das:
Mahalo (Thanks/Danke) for sharing! I'd appreciate you following me or liking my page, mahalo again!

Send this to friend