Kolumne

Friedhof Nieder-Olm

Friedhof Nieder-OlmFriedhöfe sind Abbilder der jeweiligen Kultur. Vor langer Zeit dachte ich, das beziehe sich hier in Deutschland vor allem auf unseren christlichen Glauben. Ich irrte mich: Friedhöfe sind Abbilder unserer Arbeitskultur.

Gerne spaziere oder verweile ich auf Friedhöfen. Sie strahlen für mich meistens eine Ruhe aus, die mir zu Ausgewogenheit verhilft. Stille, Landschaften, Grabsteine. Nicht nur mir geht es so, immer wieder erkenne ich Seelenverwandte. Früher waren dies vor allem Ältere, doch inzwischen sehe ich auch Jüngere auf Friedhöfen. Oft sitzen sie auf einer Bank und lesen ein Buch. Auch wenn ich das gelegentlich mache, so lese ich oft die Grabsteine. Die Schriften und die Sprüche änderten sich im Laufe der Jahrzehnte. Früher waren es (für mein jetziges Empfinden) gestelzte Sprüche, oft Bibelzitate. Namen, Geburtstage, Todestage. Die Sprüche nehmen mit dem Todesdatum ab. Die Angaben werden immer kürzer. Ich glaube, die Länge und die Anzahl der Angaben spiegeln die Schnelllebigkeit unserer Gesellschaft wieder. Immer schneller, weiter, höher. Immer mehr Bruttosozialprodukt, Wachstum, Wachstum, Wachstum.

Es begann schleichend. Der Wettbewerb in der Wirtschaft nahm immer mehr zu. Der Druck auf die Mitarbeiter wurde immer höher. Für Persönliches war und ist immer weniger Zeit. Die Arbeit und die Menschen mussten da hin, wo die Unternehmen immer schneller, kostengünstiger und mehr leisten können. Rendite, Rendite, Rendite! Egal ob Eigenkapitalrendite, Umsatzrendite, Aktienrendite – immer mehr und immer Rendite. Kein Quartal ohne positive, möglichst zweistellige Rendite. Alles andere ist Versagen. Und die Menschen ziehen der Rendite hinterher. Zuerst nur am Morgen, um am Abend wieder zurückzukehren in die “Heimat”. Die persönliche Zeit mit der Familie wird immer kürzer. Da ist dann auch immer weniger Zeit, um die Zeit mit den verstorbenen Familienangehörigen zu verbringen. Warum also noch große Sprüche, lange Angaben auf den Grabsteinen… wer liest sie noch? Die Pendlerzeit wird immer länger.

Doch irgendwann passiert es: Die Pendlerzeit wird zu lange. Die Rendite zieht nicht nur in die Kreisstadt, die Nachbarregion oder die nächste größere Stadt. Die Rendite zieht in ein anderes Bundesland, ins Ausland. Und die Menschen ziehen mit. Die Menschen, die eine Arbeit haben und sie behalten wollen, und die Menschen, die eine Arbeit haben wollen. Die Unternehmen und ihre Renditen zwingen Menschen in ein neues Korsett: Heimat ist da, wo die Arbeit ist. Lange Zeit nur für die “Abhängigen”: Die Arbeiter, die Angestellten, die Leitenden Angestellten, die Vorstände. Dann für die Zeitarbeiter, die Selbstständigen, die Projektarbeiter. Denn mit denen ist die Rendite höher. Sie kosten keine Sozialversicherung, keine Abgaben, keinen Arbeitsplatz. Vor allem nicht in Phasen mit wenig oder keiner Rendite. Menschen werden zur austauschbaren Ressource. Und die Ressource Mensch hechelt der Rendite hinterher, nicht nur auf den Aktienmärkten sondern auch in ihren Wohnungen. Heute Odenwald, morgen Stuttgart, übermorgen Hamburg.

Soweit die Rendite trägt. Soweit die Füße tragen. Irgendwann tragen die Füße nicht mehr. Und alte Füße verpflanzt man nicht. Die Alten und die Toten bleiben zurück. Die Alten pflegen die Grabstätten, solange es irgendwie geht. Im Winter Reisig drüber, immer schön gekehrt. Im Frühling neue blühende Setzpflanzen. Im Sommer wieder etwas anderes, dann etwas Praktisches im Herbst. Wässern, sauber machen. So eine Grabstätte braucht Zeit. Zeit, die immer weniger Berufstätige erübrigen können.

Friedhof Nieder-OlmIrgenwann wurden die Toten auch nicht mehr begraben sondern verbrannt. An der Grabstätte hatte sich zuerst nicht viel geändert. Ein Namensschild auf dem eigenen Fleckchen Tod. Doch das Fleckchen, die Urne, braucht nicht mehr so viel Platz. An der Wand lässt sich das Fleckchen Tod gut stapeln. Oder in einer Wiese einen halben Meter unter der Erde – anonym oder mit Namensschild an einer Stele. Six Feet Under ist nicht mehr. Unsere Friedhöfe verändern sich. Früher wurden die Friedhöfe größer, oder es gab einen neuen Friedhof. Der Platzbedarf für unsere Toten war enorm. Jetzt werden alte Teile renaturiert und mit einer Wiese für Urnenbestattungen versehen.

Urnenbestattungen sind praktisch. Sie brauchen keine Pflege, kein regelmäßiges Hegen der Pflanzen, kein Wässern. Aber warum sind sie so praktisch? Weil niemand mehr da ist, der die Grabstätten pflegen könnte. Alle sind den Unternehmen und der Rendite hinterhergezogen. Nahezu immer, wenn ich mit meiner Mutter auf den Friedhof zu meinem Vater gehe, treffen wir andere Menschen. Alte Menschen.

Ich habe das Grab wegmachen lassen, ich kann das nicht mehr pflegen. Die Knochen wollen nicht mehr. Und die Kinder sind alle weg, die haben keine Zeit dafür. Ich verstehe das. Die haben so viel Streß auf der Arbeit, die schaffen es kaum, mich zu besuchen. Ich habe das jetzt klar gemacht, ich lasse mich verbrennen. Die Kinder können nicht jeden Monat für die Grabpflege aus Hamburg herunterkommen.

So etwas oder so ähnliches höre ich dann jedes Mal. Auch in Höchst im Odenwald werden die Erdbestattungen immer weniger, die Urnenbestattungen immer mehr. Die Alten werden immer weniger, die Jungen sind immer weiter weg. Und deren Kinder? Die werden wieder woanders sein. In einer anderen Stadt, in einer anderen Region, in einem anderen Land. Einer anderen Rendite hinterher.

Die Friedhöfe werden immer seelenloser. Noch gibt es für mich etwas zu lesen auf den Grabsteinen, aber irgendwann werden da nur noch ein paar wenige Namen stehen. Oder gar nichts mehr. Irgendwann werden die ersten Friedhöfe schließen müssen. Dann werden wir die vollmobile Renditeressource haben, die der Arbeit hinterherzieht. Dann wird es noch diejenigen geben, die keine Arbeit bekommen. Sie werden vollkommen anonym “entsorgt”. Unsere Friedhöfe sind Abbilder unserer renditegeilen Arbeitskultur. Bis wir keine mehr haben.

In den letzten Jahren wird viel über “Home Office” und “Mobile Office” geschrieben und gesprochen. Auch ich kenne “Home Officers” und “Mobile Officers”. Bei den Friedhöfen ist diese Arbeitskultur noch nicht angekommen. Sie zeigen das Bild einer marodierenden Workforce, die ihre Angehörigen hinter sich lassen muss. Aber vielleicht ändert sich doch noch etwas. Zuerst müssten die Unternehmen ihre Arbeitskultur ändern, sie müssten sich ändern. Wirklich?

Unsere Unternehmen sind Abbilder unserer Kultur.

Schreibblockade

Schreibblockaden ade: Mit RumLosEntTern überwinden Sie jede Schreibblockade und fühlen Sie sich wunderbar und glücklich. Wenn auch nicht immer für lange… Eine Kolumne übers Schreiben.

Weit über 40 Jahre reichen meine Schreiberfahrungen inzwischen zurück. Angefangen hat das Unglück 1967 in der ersten Klasse. Buchstaben lernen, Wörter lernen, Sätze und Absätze lernen. Irgendwann wurden dann die gefürchteten Deutschaufsätze daraus. Schule, Offizierschule, Dienstanweisungen, Studium, Programmcode, Berichte, Präsentationen, Konzepte… Schreibblockaden hatte ich immer wieder. Und 2005 fing ich das Bloggen an, im Oktober desselben Jahres erfasste mich folgerichtig die erste Schreibbloggade – ich nannte sie “Das Loch”. Egal, ob mit “ck” oder “gg”, nur weniges kenne ich besser als dieses Gefühl vor einem schwarzen Loch zu sitzen.

Mentales und muskuläres Zittern

Meistens beginnt es ganz unschuldig mit den besten Vorsätzen. Doch bereits der erste Griff zum Griffel (also damals, heute ist es die Tastatur) endet in mentalem und muskulärem Zittern. Wie kann ich alles abdecken, nichts vergessen? Werden die Leser (meine Klassenlehrerin, mein Major, mein Chef…) mögen, was ich schreibe? Erfahre ich Anerkennung, werde ich geliebt? Die Unsicherheit wird immer größer bis bereits der Gedanke an Schreiben mich erzittern lässt. Also dann doch schnell eine Tafel Schokolade oder eine Tüte Gummibärchen, ein Kaffee mit den Kollegen auf ein Schwätzchen in der Teeküche, auf Twitter rumwuseln oder doch aufs Weinfest? Dort holen mich dann die Schuldgefühle ein. Ich sollte einfach anfangen und es hinter mich bringen. Aber wie?

Gerade jetzt könnte ich ein wenig Hilfe gebrauchen. Am 31. Oktober habe ich einen Abgabetermin für einen zweiseitigen (ja: Print – furchtbar, oder?) Artikel. Und ich merke, wie dieses Zittern in mir hervorkriecht aus meinen Hirnwindungen und meinen Eingeweiden. Gehetzte Blicke führen meine Augen nach links, nach rechts und wieder zurück. Bloß nicht in der Mitte verweilen, denn da ist das Böse – die Tastatur.

Profitum oder Lebenserfahrung?

Die Tastatur ist dann doch mein Alibi, das ich für ein bisschen (mehr) Rumwuseln mit dem Browser mißbrauche. Twitter, Facebook, Urlaubsfotos hochladen, in meinem Pocket stöbern. Das ist genau das Richtige, denn anstelle mich ablenken zu können lande ich bei den Profi-Strategien gegen die Schreibblockade und lehne mich lächelnd zurück. So machen die das also. Wenn ich das vor 40 Jahren gewusst hätte! Moment… das wusste ich doch nicht nur: Ich hab das doch alles schon hinter mir!

  • Rumwuseln: “Spare in der Zeit, dann hast du in der Not.” Das hat sich für mich bewährt. Ständig unmotiviert Notizen machen, aufschreiben, fotografieren, evernoten, bookmarken. Heute alles elektronisch ablegen und vertaggen. Was mir wichtig erscheint, das wird gespeichert. Was wichtig ist? Keine Ahnung, ich habe ja noch nicht darüber geschrieben. Also sammle ich alles Mögliche. Manches davon kann ich später bestimmt verwenden. Bloß nicht dabei an den ROI denken…
  • Losschreiben: Losbrabbeln auf Papier oder Tastatur. Egal was mir einfällt. Schnell in den runtergewuselten Notizen nachschlagen, ob da nicht… da ist was: 7 Productivity Tips for Writers Who Are Stuck. Wusste ich doch, das Rumwuseln heute morgen hat einen ROE (Return On Eventually). Dann noch eine Zwischenüberschrift da, eine dort… (Moment, ist gleich nachgeholt: Jetzt stehen da welche). Dem Himmel sei dank für Copy & Paste – den Absatz da hoch, den Satz da runter. Den Abschnitt zerschnibbeln und oben und unten wieder rein. Ich brauche dringend eine Gliederung… hach, ich hab ja schon Zwischenüberschriften. Fertig.
  • Entspannen: Manchmal hilft alles Konzentrieren nicht. Im Gegenteil: Das macht alles noch viel schlimmer. Das Zittern wird um ein Vielfaches heftiger. Also den Griffel und die Tastatur wie ein heißes Eisen fallen lassen, aufstehen und weg. Joggen, Spazieren gehen, duschen, kochen, Science Fiction lesen. Und irgendwie funktioniert das. Immer wieder. Mitten unter der Dusche kommen mir mindestens eine Handvoll Ideen (natürlich bin ich zu dem Zeitpunkt noch voll eingeseift). Nach zwei Kilometer Joggen staune ich nur noch über die Landschaft, die Menschen und die Tiere (wovon ich mindestens zwei Drittel davon schon auf Du und Du kenne), nach drei Kilometer habe ich das alles vergessen, haufenweise habe ich Ideen und… wo ist dieser verdammte Erfinder mit dem Gedankenleseautomat, der das Ausgedachte abspeichert? Also habe ich mir angewöhnt, möglichst überall oder zumindest innerhalb kürzester Zeit etwas zum Notieren dabei zu haben.
  • Terminieren: Und manchmal hilft das alles nichts. Der Abgabetermin rückt immer näher (blöder Spruch, welcher Termin rückt schon von selbst in der Zeit herum?), es wird immer enger, und dann… geht’s irgendwie. Besser sogar noch, wenn ich mir selbst den Termin lange vor dem Abgabetermin setze. Beispielsweise plane ich einen Nachmittag fest dafür ein. Noch besser ist ein Vormittag, denn da bin ich aufgedreht und kreativer. Noch besser für direkt nach dem Joggen einplanen. Natürlich prokrastiniere ich nie… zumindest erinnere ich mich nicht daran. Ich werde morgen mal über das Schreibprokrastinieren nachdenken.

RumLosEntTern als Glücksprinzip

Jetzt habe ich also mit Markdown einen Blogartikel über meine Art der Schreibblockade und darüber, wie ich damit umgehe, geschrieben. Ich bin jetzt sehr stolz auf mich, denn innerhalb kurzer Zeit habe ich einen Artikel über das Schreiben geschrieben und meinen Lesern ein schreibüberlebenswichtiges Rezept geliefert. Gleich werde ich mit Stylus und Noteshelf auf meinem iPad noch eine Skizze für den Artikel rumkritzeln. Wie so oft hat mir das RumLosEntTern den Tag gerettet. Ich fühle mich wunderbar. Ich bin glücklich.

Vor dem Veröffentlichen lese ich schnell noch einmal die Profiratschläge durch und entdecke die Erweiterung mit dem Link zur BloCKparade. (Nachtrag: Es ist die vom PR-Doktor Kerstin Hoffmann ausgerufene Blogparade gegen die Schreibblockade). Ich habe nur durch Rumwuseln und LosEntTern an einer Blogparade teilgenommen. Dabei hätte ich noch bis zum 30. November Zeit fürs Schreibprokrastinieren gehabt. Wow. Ich bin überglücklich.

Bloß für meinen Printartikel, da fehlen mir immer noch zwei Seiten. Das Zittern beginnt gerade wieder…

Welche Rezepte kennen Sie gegen Schreibblockaden? Kennen Sie auch dieses Zittern?

Worauf bei PR-Agenturen achten?

Worauf bei PR-Agenturen achten?

Claudia Tödtmann berichtet darüber „Wie Unternehmen ihre PR-Agenturen aussuchen und was sie an ihnen kritisieren„. In einem Auszug zeigt sie, wo nach Ansicht der Unternehmen sich die PR-Agenturen verbessern müssten und worauf sie bei deren Auswahl tatsächlich achten. Bloß: Bei der Auswahl spielen die Kritikpunkte kaum eine Rolle. Eine Kolumne mit vielen Fragen.

Planbarkeit von Kosten, unternehmerisches Denken, Betreuung durch höher qualifiziertes Personal, Kosten, Kosten, Abrechnung und… Projektmanagement. Das sind die Kritikpunkte der Unternehmen an PR-Agenturen. Alles klar und nachvollziehbar. Dann müssten die Unternehmen einfach nur zumindest ein bisschen auf diese Punkte bei der Auswahl der PR-Agenturen achten.

Worauf achten sie also? Branchenkompetenz, betreuende Personen, Erfahrung, Kontakte in Redaktionen, räumliche Nähe, Kompetenz bei PR-Kampagnen und… oh ja, doch: Günstige Preise nach Vergleich der Agenturen (also wenn die alle gleich zu teuer sind…) und erfolgsabhängige Bezahlung kommen am Schluss der Liste. Warum wird da nicht auf die Kompetenz in Projektarbeit gearbeitet? Wieso spielt die Kollaborationsfähigkeit der Agenturen keine Rolle? Als ob die PR-Agenturen ein Briefing bekommen und dann wochen- oder monatelang völlig losgelöst vom Unternehmen vor sich hin werkeln könnten… oder tun sie das?

Also nur auf wenige Punkte, die die Unternehmen kritisieren, achten sie bei der Auswahl der Agenturen. Und wenn sie darauf achten: Warum haben sie dann die PR-Agenturen trotzdem genommen und meinen dann, sie müssten sich darin verbessern?

Da stinkt der Fisch doch vom Kopfe her. Zuwenig wird bei der Auswahl auf die Kritikpunkte geachtet. Und wenn darauf geachtet wurde (betreuende Personen), warum läuft es doch schief? Und die Höhe der Kosten? Warum spielt die bei der Auswahl keine Rolle sondern nur die relative Höhe im Vergleich der Agenturen? „Nehmen wir einfach eine der günstigeren unter den zu teuren PR-Agenturen“, so könnte das Motto lauten.

Aber warum nur? Lernen die Unternehmen nichts daraus? Haben sie einfach nur keine Ahnung und lassen das lieber „die da draußen mit der Ahnung“ machen?

Oder waren das wirklich nur geschlossene Fragen, deren Antwortmöglichkeiten ohne Zusammenhang standen? Aber vielleicht gab das Budget für die Studie vom Institut für Management und Wirtschaftsforschung (IMWF) und der Wirtschaftswoche einfach nicht mehr her, weil da eine PR-Agentur mit im Boot war…

Vorsicht #Neuland!

Vorsicht #Neuland!

Bei mir scheint es vordergründig etwas ruhiger zu sein, doch im Hintergrund werkele ich an ein paar Dingen und Weichenstellereien. Wenn ich mich denn doch etwas weiter aus der Deckung wage, dann beherrscht ein Themenkomplex sämtliche Spären: PRISM, Tempora, NSA, BND und unsere Kanzlerin.

Unsere Kanzlerin höchstpersönlich lässt aber auch keine Gelegenheit aus, um sich nicht festzulegen und um wozu auch immer nichts zu sagen. Gestern auf der letzten Bundespressekonferenz vor der Sommerpause war sie besonders stark darin. Das haben dann beispielsweise die ZEIT und die Süddeutsche (aus .de) bemerkt. Angeblich brachten ein paar Fragen nach Prism Merkel in Bedrängnis. Bei diesem Themenkomplex hängt aber alles irgendwie mit diesem Neuland zusammen. Und da muss man eben nun mal vorsichtig sein mit diesem Neuland.

Es soll jedoch Leute und Institutionen geben, die das Neuland einfach mal neugierig betreten. Das finde ich ja auch gut.

Andere stellen erst einmal ein Schild auf:

Vorsicht Neuland! Vor Betreten wird gewarnt, Betreten auf eigene Gefahr!

Und wenn man später einmal fragt, warum das Schild da steht, weiß keiner mehr so genau warum. Und Leute, die das Neuland dennoch betreten, werden als Spinner oder sogar als gefährliche Abweichler betrachtet.

Ich bin da aber beruhigt, unserer Kanzlerin Angela kann das nicht passieren. Sie hat schließlich keine Ahnung, da wird sie doch wohl nicht so unverantwortlich sein und Neuland betreten.

Im Gegenteil: Sie wird darauf achten, anderen eine Liste mit Fragen zu schicken. Also solchen Leuten, die sich mit dem Neuland auskennen. Denn bei uns hier scheint das mit dem Auskennen doch etwas schwieriger zu sein. Bei dem Friedrich beispielsweise. Oder dem BND. Oder dem Pofalla (BTW: Kennt sich einer aus, wo der gerade ist?). Oder unserer Prismela.

Ist auch kein Wunder: Die halten sich schließlich alle an ihre Warnung vor dem Neuland auf dem Schild vor dem Kopf.

Im Courtyard Marriott vor der Salesforce Customer Company Tour
Im Courtyard Marriott vor der Salesforce Customer Company Tour

Im Courtyard Marriott vor der Salesforce Customer Company Tour

Gerade sitze ich in meinem Hotelzimmer im Courtyard Marriot an der Orleanstraße in München. Ich bin hier für die Salesforce Customer Company Tour 2013, die morgen im Münchner Messezentrum von 08:30 Uhr bis 18:00 Uhr stattfindet.

Im Mai erhielt ich von Salesforce eine Einladung zur Customer Company Tour 2013. Ursprünglich hieß die Veranstaltung Cloudforce München, aber die Umbenennung folgt der Entwicklung des Unternehmens hin zu einer Customer Company. Alles soll im Fokus des Kunden stehen, nicht im Fokus der Cloud. In den letzten Jahren hat sich denn auch ein Salesforce Universum entwickelt, das sich jenseits des ursprünglichen CRM-Sterns ausbreitet (CRM = Customer Relation Management). Zahlreiche Akquisitionen haben die Funktionsvielfalt erhöht, rund um Salesforce gibt es eine inzwischen riesige Entwicklergemeinde, die für dieses expandierende Universium neue Anwendungen zusammentstellt.

Mit Do.com gibt es eine Galaxis im Bereich Task Management, mit DimDim hat Salesforce eine Conferencing-Galaxis übernommen. Mit Oracle gibt es die Kooperation mit einem Paralleluniversum. Interessant ist hier, dass die eigentlich verfeindeten CRM- und Human Capital Management-Galaxien über Dimensionsbrüche in das jeweils andere Universum eingelassen werden. Geradezu nebenbei überholt Salesforce noch den Platzhirschen SAP und kauft für schlappe 2,5 Milliarden US-Dollar den Spezialisten ExcactTarget.

Viele Veränderungen für einen CRM-Spezialisten, bei dem sich vorgeblich alles um den Kunden dreht. Wirklich? Mit Chatter gibt es seit längerem eine Lösung für die Kommunikation und Kollaboration im Unternehmen. Jetzt legt Salesforce nach mit den Company Communities und bedroht damit die klassischen Platzhirsche wie Jivesoftware mit Jive oder IBM mit Connections. Intranets sind das Herz, das Rückrat jedes Unternehmens, das in der heutigen Zeit mit Veränderungen aus dem Markt und aus dem Unternehmen Schritt halten will.

Salesforce wird möglicherweise weiter in das Innere, den Nukleus von Unternehmen vorstoßen und nicht bei Sozialen Intranets halt mache. Warum nicht auch in den Nukleus der ERP-Systeme (Enterprise Resource Planning). Wenn Salesforce schon jetzt Unternehmen wie Microsoft, IBM, Oracle und SAP Konkurrenz macht: Was oder wer will Salesforce davon abhalten, weitere Universen zu penetrieren oder sogar zu schlucken? Warum eigentlich nicht – solange die Salesforce auf der guten Seite bleibt?

Das ist ein Teil meiner Überlegungen, mit denen ich heute abend zum Dinner ins BNM-Restaurant und morgen zur Salesforce Customer Company Tour gehe.

Wer mich und andere dabei verfolgen möchte, der möge entweder mir auf Twitter folgen (@fwhamm) oder den Hashtags #CCT13 oder #SalesforceLive. Derweil versuche ich Tweeple zur Veranstaltung in meine Liste CCT13MUC aufzunehmen. Derzeit ist das Aufkommen noch gering, aber spätestens morgen bei 2.300 Teilnehmern dürfte ich den Überblick verlieren :-)

Disclosure: Salesforce zahlt meine Teilnahme, die An- und Abreise und die Übernachtung von Montag auf Dienstag.

Unsocial Top-Management

Unsocial Top-Management

Die Universität Leipzig und die Humboldt-Universität in Berlin geben eine Studie heraus: „Unternehmenskommunikation aus der Perspektive des Top-Managements„. Befragt wurden 602 Vorstände und Geschäftsführer in deutschen Großunternehmen, und zwar ausschließlich aus der ersten Führungsebene. Ein Ergebnis daraus: Soziale Medien sind wichtig für das Unternehmen aber nicht für das Top-Management. Anders ausgedrückt: Das deutsche Top-Management mag einfach nicht twittern sondern lieber einen Brief texten.

Das ist Kommunikation

Als Blogger, Social Networker und Digital Silver habe ich mir die Ergebnisse der Studie von Ansgar Zerfaß, Joachim Schwalbach und Muschda Sherzada angeschaut und Merkwürdiges entdeckt. Dies mag damit zusammenhängen, dass immerhin 62 Prozent der Top-Manager sich der Fachdisziplin Wirtschaftswissenschaften zuorden und mit kommunikativen oder sogar philosophischen Ansätzen vermutlich nichts anfangen können. Da denken sie denn wohl eher an fest definierte betriebswirtschaftliche Prozesse. Da kippt man etwas Information hinein, die wird dann zum Empfänger übertragen und dort ausgekippt. Fertig. Das ist Kommunikation, finden zwei Drittel (Seite 39). Nur ein Drittel stimmt zu, Beteiligte würden mittels Zeichen und Symbolen Bedeutungen und soziale Wirklichkeiten schaffen.

Konstruierte Wirklichkeiten des Top-Managements

Gerade die sozialen Medien haben ziemlich viel mit Kommunikation zu tun. Da passt das Bild mit dem Ein- und Auskippen der Information nicht wirklich, das scheint etwas komplizierter. Nach verschiedenen Ansätzen des Konstruktivismus‘ gibt es sowieso überhaupt keine objektiven sondern nur konstruierte Wirklichkeiten. In den sozialen Medien werden sicherlich viele davon konstruiert. Das scheint dem Top-Management nicht geheuer zu sein. Doch das Top-Management hat wohl auch einige konstruierte Wirklichkeiten.

Denn 72 Prozent stimmen (voll und ganz) zu, die Diskussion in sozialen Medien (Facebook, Twitter etc.) beeinflusse die Reputation von Unternehmen. Soziale Medien sind also wichtig. Doch nur 14 Prozent finden, dass für das Top-Management die Fähigkeit zur Kommunikation in sozialen Medien (sehr) wichtig sei. Dann schon lieber eine Broschüre oder einen Brief texten, das halten nämlich 28 Prozent für (sehr) wichtig. Da kann man nämlich ganz einfach Information in die Broschüre oder den Brief reinkippen, und später nach der Übertragung ergießt sie sich über den Empfänger. So simpel ist das.

Reputation

Wenn soziale Medien so wichtig sind, warum nutzen es so wenige aus dem Top-Management, um an der Reputation ihres Unternehmens zu arbeiten? Und – mal so nebenbei – damit auch an ihrer ganz persönlichen Reputation. In den sozialen Medien haben sie ihre Reputation in ihrem ganz persönlichen Einfluss. Kein Redenschreiber und kein Journalist wirft sich zwischen sie und ihre Kunden, Lieferanten und Partner. Möglicherweise entdecken die Top-Manager sogar, dass sie direkt und ungefiltert mit ihren Mitarbeitern kommunizieren können. Aber vielleicht ist ihnen das auch unangenehm, möglicherweise haben sie und die ganz verschiedene konstruierte Wirklichkeiten. Und dann ist das mit der Reputation so eine Sache ;-)

News Aktuell: Epic Relations Fail?

News Aktuell: Epic Relations Fail?

Seit etwa zwei Wochen erhalte ich Pressemitteilungen von irgendwelchen Unternehmen und PR-Agenturen, mit denen ich noch nie etwas zu tun hatte. Zu Themen, die mich nur wenig oder gar nicht interessieren. Das schmeichelt meinem Ego gar nicht und macht mich traurig. Und ein bisschen wütend auf News Aktuell.

Presseverteiler recherchieren und erstellen ist eine mühsame Arbeit. Doch glücklicherweise gibt es Dienste und Produkte wie Convento oder Zimpel, die einem die Mühe erleichtern. Schnell ein paar Journalisten, Redakteure oder Schreiberlinge gesucht und gefunden, ab in einen Verteiler für das neue Produkt. Fertig. Nun gibt es aber Unternehmen und PR-Agenturen, die diese Einfachheit zu einfach nehmen. Schwups, schon ist Mann oder Frau in einem Verteiler. Wer sich nicht wehrt, ist beim nächsten Aussand für das nächste Produkt oder für die nächste tolle Nachricht („Unser CEO ist im Fernsehen!“) auch wieder dabei.

Damit müssen Redakteure und Journalisten inzwischen leben (müssen sie wirklich… aber das ist eine andere Geschichte). Ich aber bin etwas gaaaaaanz anderes: Ich bin Blogger. Ich bin nicht einer dieser Journalisten, die für Lohn oder Brot alles tun – sogar sich in solchen Systemen verewigen lassen. Das ist schließlich ihr täglich Brot. Angeblich sollen schließlich inzwischen je nach Quelle mehr als die Hälfte, mehr als zwei Drittel, mehr als drei Viertel, mehr als vier Fünftel oder sogar mehr als fünf Hälftel der veröffentlichten Presseartikel auf PR-Arbeit (bitte daran denken: PR wie Public Relations!) beruhen. Mehr oder weniger also auf PRessemitteilungen.

Aber ich, ich war davon immer verschont geblieben. Ein bisschen hat mich das schon gewurmt. Wenn mich jemand kontaktierte, dann hat er mich nicht nur in einen Verteiler geworfen sondern mich richtig kontaktiert und sogar eine Beziehung aufgebaut. Beispielsweise auf einem BarCamp. Das fand ich zwar toll. Aber in so ein richtig großes professionelles System kam ich nie. Einerseits also toll, andererseits… na ja, bin ich denen nicht wichtig genug?

Aber das ist Schnee von gestern. Jetzt bin ich wichtig! Ich bin in ein solches System hineingekommen! Man (oder Fra) hat meine Wichtigkeit erkannt (endlich!) und mich da hinein gesteckt in ein solches System! Anders konnte ich mir nicht erklären, warum ich plötzlich regelmäßig Pressemitteilungen in meinem Postfach vorfand. Einfach so. Mal ging es um eine tolle App für eine Vorabendserie, mal um eine neue tolle Late Night Show. Ein anderes Mal bot mir ein Online-Marktplatz die berauschende Chance, einen Artikel kostenlos für meine Leser abzudrucken (das mir: Drucken!). Also war ich wichtig. Ich war begeistert.

Bis ich anfing zu denken und enteckte, dass mich das alles nicht die Bohne interessiert. Dass mich da Organisationen (Unternehmen, Agenturen, Anstalten) gedankenlos in einen Verteiler geworfen hatten und mir damit meinen Posteingang vollmüllten. Nicht gut, dachte ich. Aber wieso kamen die jetzt alle plötzlich auf die Idee, mich in diese Verteiler aufzunehmen? Nachdem ich viele, viele Jahre vergeblich darauf geh… davon verschont geblieben war?

Drin!

Irgendwie mussten die doch an meinen Namen und meine Mailadresse gekommen sein. Sicher, in meinen Impressi, Impressums oder Impressen steht sie. Doch wieso hatten die… Bis ich auf die Idee kam: Ich bin drin! In irgend einem System bin ich drin!

Aber so was von drin. Und ich hatte einen Verdacht. Doch wie sollte ich den bestätigen… Ach, ich mache das, was man früher (vor Social Media) immer gemacht hatte: Ich rief an, bat um die Entfernung meiner Adresse aus dem Verteiler. Und dann fragte ich, wie ich denn da rein gekommen sei.

Epic Relations Fail von News Aktuell?

News Aktuell: Epic Relations

Epic Relations (Quelle: News Aktuell)

Ich erhielt die Bestätigung. Man hatte mich in dem super neuen tollen System Epic Relations von News Aktuell gefunden. Dort bin ich jetzt also drin. Toll. Not. Nehmt mich also bitte raus. Aus Euren Verteilern und vor allem: Aus dem epischen Beziehungsfail. Denn zumindest meine Adresse ist nicht pflegsam eingepflegt. Ich bin in irgendwelche Zielgruppen spielend reingekommen, in denen ich nicht zu finden sein will. Ich will auch nicht, dass meine Adresse weltweit, auch nicht temporär, zu buchen ist. Und schnappt Euch Eure Redaktion, die 720.000 weltweite redaktionelle Adressen eingepflegt und redaktioniert hat. Die sollte nämlich alle 720.000 redaktionelle Adressen durchgehen und die armen Blogger da raus nehmen, die nicht da drin sein wollen. Kontaktiert die Leute gefällig und fragt sie, bevor Ihr deren Adressen verkauft.

Und vielleicht wäre der eine oder andere Journalist auch froh, wenn er da wieder raus käme :-)

Übrigens: Wie sieht Ihr Posteingang in letzter Zeit so aus? Sind da irgendwelche merkwürdigen Pressemitteilungen dabei..

P.S.: Mal sehen, wie gut das Media Sonar von News Aktuell ist ;-)

Seit zwei Monaten läuft meine Umzugsplanung und -durchführung mit einem, bei einem und teilweise gegen ein Unternehmen der Telekommunikationsbranche (ja, der physische Umzug war bereits vor zwei Wochen). Eine von meinen Erfahrungen inspirierte Kolumne.

Kunde:

Ich möchte eines der leckeren, saftigen, großen Angus-Steaks aus Ihrem Prospekt.

Metzger:

Ich biete Ihnen ein Angus Steak Comfort mit bis zu 1600 Gramm.

Kunde:

Sehr gut, ich nehme es!

(freut sich)

Metzger:

(geht weg, klappert gelegentlich, seufzt gelegentlich, legt ein Steak auf die Theke)

Kunde:

Aber das hier sind nur 100 Gramm! Und das ist nur das normale Steak! Und ohne Papier sind das nur 50 Gramm!

Metzger:

Tja. Moment… jetzt sind es 600 Gramm.

Kunde:

[…]

(sprachlos, schnappt nach Luft)

Metzger:

Die Prüfung und Realisierung ihrer Bestellung hat auf der Waage eine geringere Kapazität ergeben. Aber Sie haben Glück: Der Preis bleibt derselbe.

Kunde:

@]¢¡¶[|&$%!!!!

(telefoniert mit Verbraucherzentrale, Report Mainz)

Verbraucherzentrale, Report Mainz:

Das ist ein Verstoß gegen das UWG, Skandal!

Bei Handwerk und Handel: Ein Skandal.

Bei Telekommunikation: Eine Verfügbarkeitsprüfung.

Anmerkung: Eine wichtige Protagonistin habe ich aus Gründen der Dramaturgie weggelassen. Die Kollegin aus dem Team des Metzgers wirbelt im Hintergrund und kämpft vermutlich gegen die Tücken des Metzgerladens (handschriftliche Notizen in der Schublade, Schlüsselbund hängt irgendwo in der Garage, verkritzelter Kalender an der Wand…). Ich beneide sie nicht, bin ihr dankbar für ihre Wirbelei. Aber gegen den unbeweglichen, halsstarrigen Metzger kann sie in vielen Dingen einfach nicht ankommen. Noch habe ich mein 1600 Gramm Steak nicht – ein Angus Steak wird es auf keinen Fall. Aber die nette Kollegin wirbelt…

P.S.: Wenn Sie jetzt monieren, dies sei doch gar keine richtige Kolumne… tja. Moment… die Tastaturprüfung hat eine geringere Kapazität ergeben. Aber Sie haben Glück: Der Preis bleibt derselbe.

Heute morgen war die letzte Auslieferung: Die Allgemeine Zeitung war heute das letzte Mal in unserem Briefkasten. Anläßlich unseres Umzuges haben wir das Print-Abonnement gekündigt.

Geht also das Print-Sterben weiter? Ja, denn immer mehr unserer Freunde und Bekannte „1.0“ steigen auf Online um. Schleichend beginnt der Prozess mit einem Ebook-Reader wie dem Kindle. So ein Teil ist einfach zu bequem, besonders für den Urlaub und mit Kindern dabei. Meistens haben sie auch schon ein Notebook, aber das ist zu unhandlich für Urlaub am Strand und am Frühstückstisch. Doch durch den Ebook-Reader auf den Geschmack gekommen, wird ein Tablet gekauft. Und das Teil (egal von welchem Hersteller) ist einfach bequem. Damit werden zunehmend die Nachrichten dieser Welt und auch die lokalen Nachrichten gelesen. Nicht jedem ist bewusst, dass nicht alle gedruckten Nachrichten auch im Online landen.

Uns ist es bewusst, und dennoch wagen wir den Verzicht auf die gedruckte Tageszeitung. Wir wollen sehen, ob es funktioniert. Dabei geht es uns nicht um den Verzicht auf die Tageszeitung sondern den Verzicht auf das Medium. Zu unhandlich, zu wenig portabel, zu wenig bequem, zu wenig personalisiert, zu teuer (weil Print). Noch kenne ich kein Angebot, das unseren Vorstellungen entspricht. Aber ich glaube an eine Nachfrage, den Wettbewerb (hier zwischen Rhein-Zeitung und Allgemeine Zeitung) und daran, dass es ein passendes Angebot geben wird. Online. Es hat nur noch keiner die Lösung für uns gefunden.

Doch nicht alle Print-Produkte sterben: Die sterbende gedruckte Tageszeitung ist ein Medium, für das Verlage ein passendes Geschäftsmodell entwickelt hatten. Das ist aber schon Jahrhunderte her. Ich glaube, Wolfgang Blau (noch von der Zeit und bald vom Guardian) hat es sehr gut formuliert, dass diese Lösungen für den Markt nicht mehr passen. Ich weiß bloß nicht mehr, wie er es formuliert hat; mein Bookmarking hat versagt.

Edel-Print-Magazine dürften noch lange Zeit Bestand haben, da sehe ich es nicht so wild mit dem Sterben. Aber was ist heutzutage schon eine lange Zeit. Deren Anbieter sollten sich bereits auf die Suche nach einem neuen Geschäftsmodell machen, und nicht so wie die Tageszeitungen einfach von Print nach Online übertragen.

Man liest sich – online natürlich :-)

 

Irgendwo tief in den unendlichen Weiten eines großen Waldes. Ein halb fertiggestelltes Blockhaus. Nur ein Steinwurf entfernt davon: Ein muskulöser aufrechter Mann (alternativ: eine muskulöse aufrechte Frau), ein wahrer Naturbursche. Er steht am Wegesrande vor einem Naturgiganten, einem riesigen Baum. Mit urgewaltigen Schlägen treibt der Naturbursche seine Axt in den Baum, Schlag auf Schlag. Doch es will ihm nicht gelingen, den Baum zu fällen. Immer wütender schlägt, ja prügelt der Bursche auf den Baum. Doch der Baum fällt nicht.

Ein Wanderer – der Kleidung nach nicht aus dieser Gegend – schlendert des Weges entlang und sieht den schlagenden Burschen. Er verweilt. Nach einigen Minuten hält der Naturbursche in seinem Treiben inne. Beide schauen sich an.

Der Naturbursche ist der Verzweiflung nahe und spricht den Wanderer an in der Hoffnung um einen Rat:

Es scheint, Sie sind nicht von hier. Aber dennoch frage ich Sie. Ich weiß nicht mehr weiter. Den ganzen Tag lang fälle ich Bäume für mein Blockhaus. Doch je länger ich mit der Axt in die Bäume schlage, desto flacher dringen meine Axtschläge in den Baum. Ich habe andere Winkel ausprobiert. Ich habe schneller geschlagen. Ich habe mit mehr Kraft geschlagen. Doch nichts davon half.

Ich weiß nicht mehr weiter. Können Sie mir helfen, haben Sie einen Rat für mich?

Der Wanderer zögert kurz. Doch nach einem Blick auf einen offenen Werkzeugkasten an der Seite und einem weiteren Blick auf die Axt schaut er dem Burschen tief in die Augen und sagt mit ruhiger Stimme:

Nehmen Sie den Schleifstein und schärfen Sie die Axt. Versuchen Sie es einmal: Das Schlagen und Fällen dürfte danach viel schneller gehen, und es dürfte Ihnen auch viel leichter fallen!

Der Bursche verdreht die Augen, schaut gen Himmel und schüttelt wild den Kopf. Dann presst er wütend hervor:

Für so etwas habe ich keine Zeit, ich muss schließlich Bäume fällen! Ich habe schon genug Zeit für unser Gespräch verplempert!

Der Bursche wendet sich wieder dem Baum zu und schlägt mit wilder Entschlossenheit und erhöhter Kraft erneut und wieder und wieder in die Kerbe des Baumes.

Der Wanderer geht seines Weges und wiegt nachdenklich seinen Kopf. Dann lächelt er. Er freut sich auf sein nächstes BarCamp.

Bildquelle: Joachim Lindner