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IN Jedem Ende Liegt Ein Anfang

Deutsche Nachrichtenseiten: Der Leser, Dein Feind

Adblocker blockieren Werbungen auf Websites und verbergen sie vor dem Leser. Außerdem nutzen sie den ausgeblendeten Platz, um mehr Inhalte anzuzeigen. Adblocker sind je nach Sichtweise sehr, sehr gut (Nutzer) oder sehr, sehr böse (Website-Betreiber). Beide Sichtweisen verstehe ich. Mein Verständnis haben viele deutsche Nachrichtenseiten allerdings nicht.

Firefox blockiert Flash-Plugin

Diese Woche bemerkte ich wieder einmal, wie sehr Werbung die Anzeige deutscher Nachrichtenseiten verhunzt. Anlass war das Blockieren des Flash-Plugins durch Firefox (Süddeutsche Zeitung: Mozilla blockiert Flash beim Firefox). Seit Jahren steht das Flash-Plugin aufgrund mangelnder Performance und häufigen Sicherheitslücken in der Kritik, und der Browser Firefox macht jetzt anscheinend Ernst. Doch nicht nur Firefox blockiert Flash auf Websites, auch der Browser Maxthon blockiert es. Das fiel mir beim Aufruf der Startseite von Spiegel Online auf. Denn der Maxthon-Browser ist mein „Kontrollbrowser“, mit dem ich nirgendwo angemeldet bin und für den ich keinerlei Addons installiert habe:

Maxthon blockiert Flashplayer

Maxthon blockiert Flashplayer

Dadurch wurde mir wieder klar, wieviel Platz auf Nachrichtenseiten für Werbung „verschwendet“ wird. Normalerweise bekomme ich solche Werbung gar nicht angezeigt, denn im Firefox und im Chrome habe ich bereits vor längerer Zeit eine Gegenmaßnahme eingeleitet.

Drittanbieter-Cookies

Ich persönlich benutze keinen Adblocker. Ich bin viel bösartiger: Ich nutze die eingebauten Fähigkeiten meiner Browser und deaktiviere Drittanbieter-Cookies:

Cookies von Drittanbietern sind Cookies, die von einer anderen Website angelegt werden als von der, die Sie gerade besuchen. Zum Beispiel könnte das Portal taz.de eine Schaltfläche „Gefällt mir“ von Facebook auf Ihrer Seite eingebunden haben. Dieses „Gefällt mir“ wird einen Cookie setzen, welcher von Facebook gelesen werden kann. Ein solcher Cookie wird als Drittanbieter-Cookie bezeichnet.

Ein Werbetreibender kann durch solche Drittanbieter-Cookies Ihre Besuche auf allen Seiten protokollieren, auf denen seine Werbung angezeigt wird. Wenn Sie deswegen Bedenken haben, können Sie Cookies von Drittanbietern in Firefox blockieren.

(Mozilla Support für Firefox Cookies von Drittanbietern blockieren)

Einfach ausgedrückt: Nachrichtenseiten betreiben und vermitteln die Werbefläche normalerweise nicht selbst. Sie verkaufen Werbeplatz über andere Plattformen, bei denen wiederum die Marketingbereiche von Unternehmen Werbefläche einkaufen. Möchte beispielsweise ein Automobilhersteller sein neues Modell bewerben, so kauft er bei/über Plattformen Werbeflächen ein. Somit erscheint die Werbung für das neue Fahrzeugmodell bei Dutzenden von Websites zentral über eine Plattform gesteuert. Für den Hersteller ist das eine sehr schöne Sache: Er muss sich nicht mit den Dutzenden oder Hunderten von Websitebetreibern einigen. Die Websitebetreiber wiederum müssen sich nicht mit Dutzenden oder Hunderten von Unternehmen herumschlagen. Der Handel und die Steuerung läuft über die Plattform.

Somit bekommt aber nicht nur die jeweilige Nachrichtenseite mit, dass ich bei ihr war, sondern die Plattform bekommt mit, auf welchen Dutzenden oder Hunderten von Nachrichtenseiten (oder anderen Websites) ich war. Grundsätzlich kann der Automobilhersteller meine komplette „Customer Journey“ verfolgen. Also beispielsweise, wann und wo ich die erste Anzeige für das neue Modell gesehen habe, wo ich die Anzeige gesehen habe, wie ich dann auf den Konfigurator auf der Website des Herstellers gekommen bin, für welche Ausstattung ich mich interessiert habe, welches genaue Modell mit welcher Ausstattung ich dann wann gekauft habe. Alles halb so schlimm? Der Plattformbetreiber, weiß auch für welches Konkurrenzauto ich mich interessiert habe, bei welcher Bank ich wahrscheinlich bin, dass ich Viagra kaufen will. Und die Nachrichtenseite gehört zu einem Konzern, der einen Shop betreibt, bei dem Sie regelmäßig ein pflanzliches Mittel gegen Bluthochdruck kaufen, und von dessen anderer Tochtergesellschaft Sie gestern die Ablehnung ihrer Krankenzusatzversicherung erhielten.

Ja, es gibt den Datenschutz, und das Schlimme wird nicht passieren. Aber wollen Sie darauf Ihre Privatsphäre für die nächsten Jahrzehnte wetten? Und darauf, dass die NSA nie einen Zugriff auf die Plattform bekommt und sie aufgrund Ihrer Lesegewohnheiten und Ihrer Einkäufe beim Einreiseversuch in die USA mit Ihren Koffern am Flughafen festsitzen?

Ich nicht. Deswegen habe ich die Cookies von Drittanbietern bei Firefox und bei Chrome deaktiviert.

Firefox: Einstellungen – Datenschutz

Firefox-Datenschutz: Cookies von Drittanbietern blockieren

Firefox-Datenschutz: Cookies von Drittanbietern blockieren

Chrome: Erweiterte Einstellungen – Datenschutz – Inhaltseinstellungen

Chrome-Datenschutz: Cookies von Drittanbietern blockieren

Chrome-Datenschutz: Cookies von Drittanbietern blockieren

Leser lesen gefährlich

Die Nachrichtenseiten setzen ihre Leser, ihre Kunden bewusst einem Gefahrenpotential aus. Sie tauschen ihren einfachen Handel mit Werbeflächen gegen das Potential zur Gefährdung ihrer Leser und Kunden ein. Seit vielen Jahren setzen sie auf Werbung zu ihrer Finanzierung.

Mit der Art und Weise der Werbung nehmen Sie die mögliche Gefährdung der Privatsphäre Ihrer Leser und Kunden in Kauf und stellen diese hinter ihr Geschäftsmodell.

Ohne Drittanbieter-Cookies keine Werbung

Durch das Blockieren der Drittanbieter-Cookies sehe ich fast keine Werbung. Layer-Werbung kommt gelegentlich durch, aber insgesamt bekomme ich sehr wenig Werbung mit. Das ist ein angenehmer Nebeneffekt der Maßnahme zur Wahrung meiner Privatsphäre. Mir war jedoch gar nicht mehr bewusst, wie aggressiv auf Nachrichtenseiten geworben wird.

Aufgrund der Darstellung der Spiegel-Seite überprüfte ich allerdings, wie groß die Darstellung von Werbung auf den Startseiten von deutschen Nachrichtenseiten ist. Dazu rief ich die Startseiten von Frankfurter Allgemeine Zeitung, Spiegel, Süddeutsche Zeitung und Die Welt auf. Die Darstellung im Firefox und im Chrome unterscheiden sich generell kaum. So öffnete ich zum direkten Vergleich auf meinem Macbook Air (Display 1440×900) die Nachrichtenseiten jeweils einmal im Firefox mit aktivierter Blockierung von Drittanbieter-Cookies und einmal im Chrome mit deaktivierter Blockierung und machte entsprechende Screenshots. Zusätzlich nahm ich mir die Screenshots mit Werbung vor und markierte Werbe- und Leerflächen mit Pink sowie Navigationsflächen mit Orange.

An der traurigen Spitze liegt die FAZ, dicht gefolgt von der Süddeutschen Zeitung. Geradezu üppig zeigen Die Welt und der Spiegel Inhalte auf der aufgerufenen Startseite an.

Das ist nur die Momentaufnahme einer kleinen Auswahl. Doch das Ergebnis lässt mich darüber nachdenken, ob Nachrichtenseiten ihren Lesern überhaupt noch Inhalte oder doch viel lieber nur noch Werbung anzeigen wollen. Beim Aufruf zumindest der Startseite bleibt durch Werbung, leere Flächen und Navigationsfläche nicht mehr viel Inhalt übrig. Ich zumindest verliere unmittelbar die Lust, weiterzuscrollen oder zu lesen.

Flickr Fotoalbum „Werbung auf Nachrichtenseiten“ (Diashow)

Nachrichtenseiten behandeln ihre Leser wie Feinde

Nachrichtenseiten nehmen die Privatsphärengefährdung ihrer Leser in Kauf, und mit den Werbeeinblendungen tun sie anscheinend alles, um die Inhalte vor ihren Lesern zu verstecken. So geht man normalerweise mit Feinden aber nicht mit Lesern um.

Mit ihrem Verhalten treiben sie ihre Leser dazu, Adblocker zu nutzen oder Drittanbieter-Cookies zu nutzen – um dann sich dann anschließend über deren Gebrauch zu beschweren.

Nachtrag (31.07.2015)

Peter Schaar, ehemaliger Bundesdatenschutzbeauftragter, hat einen passenden Artikel geschrieben: Datenschutz? Ist mir doch egal!

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