In der Diskussion um Digital Natives geht es oft um das Alter als Voraussetzung für diesen "Ritterschlag". Früher hat mich das verunsichert. Doch jetzt nicht mehr. Alter ist nur ein zufälliges physisches Phänomen. Digital Native zu sein bedeutet, verinnerlichte Haltungen aufgrund des Umgangs mit digitalen Medien insbesondere als Mitarbeiter zur Unternehmenskultur und als "Prosumer" im Kontakt zu Unternehmen einzunehmen.

Alter?

Wo steht, dass Digital Natives ein bestimmtes Alter haben müssen?

A digital native is a person who has grown up with digital technology such as computers, the Internet, mobile phones and MP3.

[ Wikipedia, abgerufen am 29.04.2009 ]

Ich habe in den Siebzigern in der Schule mit Lochkarten programmiert, als manche der sogenannten heutigen Digital Natives noch über zehn Jahre darauf warten mussten geboren zu werden. Ich habe mich im FidoNet und später in CompuServe (beispielsweise 94 mit Mexikanern während des Chiapas-Aufstands) schon über Kontinente hinweg ausgetauscht, als die Digital Natives von der Existenz des Internets gar nichts ahnten. Immer wieder lese ich sinngemäß, dass die Digital Natives ihre "Funktion" aufgrund ihrer Gabe der späten Geburt hätten – um dann festzustellen, dass viele davon haufenweise SMs verschicken, einen Account bei GMX haben und es ansonsten gerade einmal nach StudiVZ geschafft haben.

Wann muss man aufhören aufzuwachsen? Wann muss man aufhören zu lernen?

Kennzeichnend für die Veränderungen im Berufsleben für mich ist, dass sich insgesamt mit vielen hereindrängenden Jungen das Verhalten, die Kultur und die Ansprüche der Menschen sprunghaft ändern. Die Möglichkeiten der digitalen Medien und Werkzeuge forcieren dies. Aber auch Ältere wie ich (ich nehme mal an, dass ich mich mit 48 so langsam zu den Älteren zählen darf) haben Ansprüche, die sie nur in der Vergangenheit oft nicht durchsetzen konnten, da die Macht der Vielen nicht vorhanden war. Viele Ältere haben irgendwann nicht nur sich integriert sondern sogar resigniert. Das sehe ich auch in meiner Umgebung, und hätten ich und das "2.0" uns vor vier Jahren nicht gefunden…

Die Jungen von heute haben mehr die Wahl als je zuvor eine Generation – wenn sie sie aktiv nutzen. Dabei bin ich gar nicht mal neidisch. Im Gegenteil: Das verschafft mir in so mancher Beziehung mehr Chancen, weil ich dann nicht mehr der alleinige Exot bin ;-)

Manager 1.0

Die Mitglieder der "Old School" setzen oft ihre alten, in der 1.0 Welt erfolgreichen Verhaltensmuster ein, um den neuen Herausforderungen zu begegnen. Was oft in Broschürenkultur endet und darin, dass sie verstört sind, wenn sie und die Inhalte nicht richtig verstanden werden (obwohl doch der Empfänger über den Inhalt einer Botschaft entscheidet…). Oft treffe ich auf Unverständnis und Erstaunen über den (für sie) ungehemmten Dialog in der Welt 2.0 und was dort so alles von sich gegeben wird. Denn Wissen ist Macht, und die Hierachie definiert sich über Wissen. Die ständige Kommunikation bedroht das gehortete Wissen und die eigene Macht.

Networking

Doch wenn ich mir betrachte, wie "erfolgreiche" Manager 1.0 arbeiten, dann treffen sie sich bilateral beim Mittagessen mit anderen Managern, telefonieren, meeten, schicken sich E-Mails (bzw. lassen das die Sekretärin machen), kommunizieren ständig auch mit Managern aus anderen Unternehmen, gehen zu Konferenzen, sind auf Social Events, erzählen sich den neuesten Klatsch oder wie begeistert sie über ihren neuen Wagen sind etc. Sie machen das für ihren beruflichen Erfolg und / oder weil ihnen ein Thema wichtig ist und haben oft auch Spaß dabei.

In zwei Wörtern zusammengefasst: Sie netzwerken.

"Wir Zweinuller" machen doch eigentlich nichts anderes. Na ja, auf Anhieb fallen mir zumindest nur diese Unterschiede ein:

  • Hierarchie und Position treten hinter Person und Thema zurück.
  • Wir benutzen andere und mehr Werkzeuge wie Instant Messaging, Social Software und schnappen uns, was gerade da ist und passt.
  • Wir haben noch mehr Spaß dabei.

Ansprüche an Unternehmenskultur

Ich will im Unternehmen zusammen mit anderen Menschen, die mir wichtig sind, an Themen arbeiten, die mir wichtig sind. Ich will selbst Verantwortung übernehmen, und es nicht nur deswegen tun, weil ich muss. Dass Verantwortung und Kompetenz zählt. Das bedeutet auch ständige Veränderung und paralleles Arbeiten an unterschiedlichen Themen. Arbeiten in einem großen Projektpool und nicht nur an Projekten, die aufgrund der Arbeitsteilung oder irgendwelcher Machtspielchen der eigenen Abteilung zugeordnet werden.

Ich erwarte keine Hochglanzflyer und -broschüren über "Unternehmer im Unternehmen", die dann doch die Karriereleiter klettern müssen, um etwas zu unternehmen. Was sie aber dann nicht mehr können, weil sie zu viel zu verlieren haben.

Prosumeransprüche

Nur ein personifiziertes Unternehmen ist für mich ein Unternehmen mit Profil. Produkte und Dienstleistungen sind bei gleichem oder ähnlichem Preis bei verschiedenen Unternehmen austauschbar. Ich will einen Namen und ein Gesicht; das kann aber kein Unternehmen sein, das können nur Menschen sein.

Beispiel: Vor etwa 14 Jahren bereits war ich bei einem Ausschreibungsprojekt bei der Telekom in Münster erstaunt, wie unterschiedlich die Telekom ist und die Menschen in der Telekom sind. Doch die Persönlichkeiten kommen fast nie zur Geltung. Seit Jahren arbeitet die Telekom daran, sich über Taylorismus zu optimieren. Abläufe wurden zerteilt und zerkleinert auf möglichst kleine Häppchen, die dann jeder X-beliebige ausführen können sollte. Was dazu führte, dass Kundenkontakt x-beliebig wurde.

Wann immer aber ich zwei oder drei Kontakte hintereinander mit demselben Menschen hatte, dann hat die Telekom funktioniert.

Vor Jahren gab es bereits das Motto "One face to the customer". Das wünsche ich mir jeweils für überschaubare Bereiche (i.e. Shop, Support) von Unternehmen.

Hinweis: Ich habe diesen Artikel heute bereits als Foren-Beitrag bei DNAdigital veröffentlicht. Hier habe ich den Artikel zum besseren Verständnis außerhalb des Forums um eine Einführung und Überschriften ergänzt, in wenigen Sätzen angepasst und das Ende verkürzt.