Ich bin im Web (noch) älter geworden, während das Web 2.0 seinen Siegeszug antrat. Mittlerweile spricht kaum noch jemand von Web 2.0. Man hat es hinter sich gelassen, angeblich verinnerlicht. Noch schlimmer ist es mit einem Wort, das wie kaum ein anderes die Besonderheiten und den Siegeszug des Web 2.0 kennzeichnet: „Beta“. Doch es ging verloren wie das Web 2.0. Einfach so.

Web 2.0

Als ich im Jahr 2005 mit dem Bloggen begann gab es kaum einen neuen Webdienst oder ein Startup, das sich nicht mit einem „Beta“-Label oder -Badge schmückte. Flickr trieb es so weit, dass sie sich bei einem Relaunch selbstironisch das Label „Gamma“, dem nächsten Buchstaben im griechischen Alphabet, anhefteten. Nun, das Flickr von damals ist Geschichte. Das „Beta“ leider auch.

In letzter Zeit musste ich immer wieder an diese Sturm- und Drangphase denken, als Fehler und Blogartikel darüber an der Tagesordnung waren (zur Erläuterung an die „Digital Natives“: Twitter und Facebook spielten noch überhaupt keine Rolle, damals). Ein Startup launchte, wies auf seinen „Beta“-Status hin, fiel zunächst auf die Nase, wir berichteten darüber (oder sorgten sogar dafür), die Jungs oder/und Mädels lernten daraus, standen auf und machten weiter. Und wir berichteten darüber. Das war in Ordnung so, das war Beta.

Beta war Programm und Bestandteil eines Lernprozesses.

„Der einzige Fehler: Ihn zwei Mal machen“

Fehler zu machen gehörte einfach dazu. Zu nahezu allem. Fehler machen war normal. Jeder durfte und sollte Fehler machen. Der einzige wirkliche Fehler war, ein und denselben Fehler zwei Mal zu machen. Denn dann bedeutete dies, dass man aus dem Fehler nicht gelernt hatte. Dazu waren die Fehler nun mal da: Zum Lernen.

Irgendwie waren wir alle mehr oder weniger „fehlertolerant“. Wir wussten, dass auch wir lernten. Wir liefen mit einem eingebrannten „Beta“ in der Stirn herum. Wir erkannten uns. Der große Rest hatte es nur noch nicht kapiert. Die waren immer noch verbohrt und wollten die 120-prozentige fehlerfreie Lösung, am besten zu Beginn des zweijährigen Projektes genau so geplant und dann… „Go Live! Yeah!“. Mission fullfilled. Gratifikation auf dem Konto.

Wir wussten es besser. Doch dann wurde das Web 2.0 erwachsen und irgendwann nannten sie es…

Social Media und Enterprise 2.0

Da ging auch alles sehr schnell und es lief auch mal etwas schief. Aber da war ja der Shitstorm, der einen Fehler sofort anprangerte. Alle lachten und waren froh, dass es sie nicht erwischt hatte. Die Erwischten liefen rot an oder ignorierten den Shitstorm. Irgendwann beruhigte sich das Social Media Web 1.0 wieder. Es war ja auch irgendwie eine abgeschlossene Welt von Tech- oder Kommunikations-Nerds.

Dooferweise sprangen immer mehr Unternehmen auf den Social Media-Zug auf. Nachdem sie (und vor allem die Berater) mit Enterprise 2.0 doch nie so richtig ernst genommen worden waren hatten sie jetzt ein goldenes Kalb gefunden, das ihnen goldene Eier legen sollte. Social Media verhalf dem alten Enterprise 2.0 von 2006 zu neuem Elan.

Da sprach man dann von „einem neuen Typ von Unternehmen“, das Kollaboration, Kommunikation und Prozesse optimieren würde. Social Media als Infrastruktur und horizontale Schicht darübergelegt – das war der neue Trend. Und dies sorgte schließlich dafür, dass es kaum noch Fehler gab. Oder man hörte zumindest kaum von welchen Fehlern. Auf den verschiedenen Kongressen erfuhren wir von immer mehr „Success Stories“.

Und wenn es schief ging? „Shitstorm“ war das neue Bingo. Egal ob intern oder extern etwas nicht geklappt hatte: Schnell einen Shitstorm drüber, und die Sache war erledigt. Ganz Gewiefte nahmen dieses Socialdingens und legten es mit Geschäft zusammen. Das war dann…

Social Business

Spätestens mit Social Business verloren wir alle unsere Unschuld, und unser eingebranntes „Beta“ verblasste. Denn bei wirklich ernsthaftem Geschäft, da macht man keine Fehler. Man zahlt dem Beratungshaus, dem selbständigen Berater und vor allem dem eigenen Mitarbeiter kein Geld dafür, dass diese dann einen Fehler machen. Das könnte auf einen zurückfallen. Außer man bekommt sein Geld zurück, und der Fehler verschwindet unter dem Niebel des Vergessens (Ich bitte um Verzeihung. Es sollte heißen „Nebel des Vergessens“ oder „Teppich des Vergessens“, die Versuchung für diesen Fehler war zu groß). Vor allem, weil die besonderen aber einflussreichen Minderheiten, Analysten und Investoren, keine Fehler verzeihen. Denn sie machen nie welche. Deswegen muss der Aktienkurs immer steigen.

Und man macht das Fehler machen auch nicht zum Geschäftsprozess. Plötzlich war das Fehler machen wieder das Versagen. Und wer versagt, den prangern wir an. Der darf seinen Fehler auch nicht korrigieren. Der bekommt sein Versagen unmißverständlich vorgehalten, denn wir wissen es ja besser.

„Fehler!“

Ich habe mich akklimatisiert. Ich ließ mich von der neuen schönen Welt assimilieren. Wenn jemand einen Fehler macht, dann schreie ich „Fehler!“. Da hat mal wieder jemand versagt. Mir passiert sowas natürlich nie. Ich habe dieses eingebrannte „Beta“ auch nicht mehr. Viele andere anscheinend auch nicht mehr.

Gestern abend schaute ich im ZDF den „Twitter-Jahrhundert-Skandal“. Ich nenne ihn jetzt einmal so, weil ich diesen Tenor in Blogs, auf Twitter und auf Facebook spüre. Ich habe während der rührseligen Twitterversuche von Oliver Kahn und Jeannine Michaelsen auch gelacht. Irgendwie hatte ich den Eindruck, beide wussten nicht wirklich, um was es bei Twitter geht. Oder sie konnten es nicht vermitteln. Oder sie waren nervös (vielleicht sogar der Oli, weil es was Neues und Unbekanntes ist). Kai Thrun hat es den „Twitter-Vorfall“ genannt. Thrun stimmt jedoch nicht in das allgemeine Gelächter ein und meint, der Twitter-Vorfall im ZDF decke viel mehr auf als eine Accounteinrichtung.

Beta

Da fasse ich mir jetzt an die eigene Nase. Wo ist meine Signatur, mein eingebranntes „Beta“ geblieben? Wieso habe ich in der letzten Zeit bei so vielen Fehlern von anderen eingestimmt und sogar laut (d.h. im Netz) gelacht? Wieso haben wir einen nicht angemeldeten niebelschen Teppich zur Staatsaffäre hochstilisiert?

Wir tun so, als solle jeder doch auch mal dieses Social Media ausprobieren. Und wenn er es tut, dann war das nix. Denn wir erwarten Perfektion.

Doch Beta, das ist das Wissen um die eigene Unvollständigkeit. Das Wissen, das andere auch nicht anders sind. Das andere ebenfalls ihr ganzes Leben lang lernen, und dass es nicht immer beim ersten Mal klappt. Aber auch, dass es andere gibt, die einem helfen. Andere, die auch nicht hundertprozentig sind. Die Welt ist so komplex und schnell geworden, dass wir einfach kaum noch elendiglange Projektpläne mit in Beton geschriebenen Projektergebnisse schreiben können. Und wenn, das war das ein Fehler. Denn es gibt immer einen, der schneller und besser ist. Auf der Autobahn, auf dem Sportplatz, im Job, im Bett.

Wir sind nicht der Gipfel der Schöpfung. Wir sind Beta.

Warum also sind wir im Leben inzwischen so wenig Beta? Wo ist unsere Fehlertoleranz geblieben? Warum müssen wir so oft und so gerne einen Shitstorm (mit-)lostreten?

Weil wir Menschen sind. Menschen machen keine Fehler. Das haben wir so gelernt. Deswegen haben wir das Wort „Beta“ verloren. Aber wir können es wieder finden. Wir müssen nur wollen.

 

6 Kommentare
  1. Dirk Hellmuth sagte:

    Sehr schöner Beitrag, das war mir so gar nicht bewusst, aber wenn ich darüber nachdenke ist da viel Wahres dran. Dabei ist es ist der Mut zu den 80%-Lösungen, der Wille Fehler zu machen um daraus zu lernen und es anschließend besser zu machen, dass, was uns und die Dinge an denen wir arbeiten, weiterentwickelt.

    Oder anders herum gesagt: Perfektion ist der beste Weg zum geordneten Untergang…

    • Frank Hamm sagte:

      Vielleicht haben wir uns einfach zu sehr an die vielen Erfolge von Enterprise 2.0, Social Media gewöhnt, dass wir des Pudels Kern gerne mal übersehen :-)

  2. Kai Thrun sagte:

    Danke für die Erwähnung in diesem Rahmen. 

    In der Tat war es bei diesem Beispiel ein zweischneidiges Schwert. Es geht mir weniger um die Fehler, die gemacht worden sind, denn viel mehr die Reaktion derer, die es selbst nicht besser können. Unabhängig davon, ist mit dem Finger auf andere Zeigen keine feine englische Art. Ich bin zwar auch kein Kind von Traurigkeit, aber einige Dinge gewöhnt man sich mit der Zeit einfach ab (oder sollte man). 

    Niemand ist perfekt, dass wird sich auch nicht ändern ;-)

    Viele Grüße,
    Kai Thrun

    • Frank Hamm sagte:

      Gerne geschehen. „Niemand ist perfekt“ – das drückt es wohl sehr gut aus. Vieles gelingt, aber immer mal wieder eben mal nicht. Deswegen sollte es dazu gehören, nicht gleich mit Steinen oder einem Shitstorm zu werfen :-)

      Viele Grüße, Frank

Kommentare sind deaktiviert.