Die Digitale Avantgarde ist "der Masse" in der Nutzung der digitalen Möglichkeiten voraus. Auf dem CoreMedia Open Space trafen sich über einhundert CoreMedianer, Partner, Freunde und Interessierte zum offenen Austausch. Die Interviews zur Mediennutzung auf dem Open Space zeigen mir: Das Neue und Fremde nimmt zu. Wir gehören zur Digitalen Avantgarde. Ich bin dabei. Ich bin der Feind.

Am 29. Mai war ich zusammen mit über einhundert anderen Teilnehmern in Hamburg im Kampnagel zum CoreMedia Open Space (COS09). Erstmalig waren es diesmal mehr externe als interne Teilnehmer: Etwa 70 Externe und etwa 50 Interne. Wieder war es bemerkenswert, wie sich völlig Fremde innerhalb kürzester Zeit zu einem Kollektiv fanden und über fachliche und persönliche Dinge austauschten.

Zu Beginn des Open Space interviewten sich die Teilnehmer in Zweierpaaren gegenseitig zur Mediennutzung:

  • Wie hat sich dein Mediennutzungsverhalten in den letzten 2 Jahren verändert?
  • Wie stellst du dir die Medien der Zukunft vor.

Die Antworten dokumentierten wir auf Metaplanwänden. Mark Michaelis hat jetzt im CoreMedia Blog die Antworten zusammengefasst und die Fotos der Wände dazugehängt. Ein kurzer Anriß:

Änderung

  • Anzahl der genutzten Medien nimmt zu.
  • Verstärkt werden Blogs/RSS-Feeds gelesen.
  • Fernsehen wird gezielter geschaut – man lässt sich weniger berieseln.
  • PC hat TV abgelöst. Passend dazu: Es werden mehr Podcasts angesehen/angehört als Fernsehen geschaut.
  • […]

Zukunft

  • digitale Bücher
  • Generell erwarten viele einen deutlichen Anstieg der Videoangebote im Internet – auch in HD-Qualität. Und dadurch ein Schwinden in der Fernsehlandschaft.
  • "Besitz" von Musik fällt weg.
  • Print wird weiter zurück gehen bzw. mehr ins Internet wandern – teils durch personalisierte Nachrichten-Übersichtsseiten.
  • […] 

Sicher waren die Teilnehmer keineswegs charakteristisch für die Gesamtbevölkerung. Das Unternehmen ist aus der Softwareentwicklung / Internetbranche und liefert Lösung insbesondere für Medienunternehmen. Die Teilnehmer umfassten beispielsweise Kunden, Blogger, Social Networker, PR’ler, Freelancer, Freischaffende.

Die Digitale Avantarde

Nach meiner persönlichen Einschätzung zähle ich die meisten der Teilnehmer zur Digitalen Avantgarde. Doch wir sind nicht auf der Flucht – die Masse ist nur langsamer oder bewegt sich nicht. Alles nur eine Frage der Perspektive. Es lässt sich köstlich darüber streiten, ob ich mich nicht nur als Digital Native empfinde sondern auch einer bin. Doch ich leiste mir die Arroganz zu behaupten: Ich gehöre zur Digitalen Avantgarde.

  • Avant: Im Französischen für davor, voraus, vor …
  • Garde: Im Französischen für Aufsicht, Bewachung, Wachmannschaft.

Eine Avantgarde kommt aus dem Militärischen und bezeichnet eine Menge von Personen, die der Masse voraus ist. 

Der Begriff Avantgarde stammt ursprünglich aus dem Sprachschatz des französischen Militärs und bezeichnet die Vorhut, also denjenigen Truppenteil, der als erster vorrückt und somit zuerst in Feindberührung tritt.

[ Wikipedia: Avantgarde, abgerufen am 11.06.2009 ]

Ursprünglich wurde "Avantgarde" meistens benutzt im Militärischen für die Leibwache eines
Monarchen oder einer Institution. Eine der bekanntesten Garden sind die
römischen Prätorianer. Die Garde soll das bewahren und beschützen, was wesentlich für eine Gemeinschaft ist und ohne das die Gemeinschaft sich verändern wird. Die Avantgarde soll der Garde voraus sein für den Schutz der Garde und das frühzeitige Erkennen und Bekämpfen des Feindes. Doch eine Avantgarde ist nicht nur der Garde voraus – sie ist den Bewahrern des Vorhandenen und Etablierten voraus. Sie ist meist nicht mehr Teil der Garde, und sie hat aufgrund ihrer "Abgeschiedenheit" oft eigene Rituale und Ansichten entwickelt. Denn die Garde ist oft die erste, die Anderes und Neues sieht.

Eine heutige Avantgarde ist nicht nur der Garde, dem Monarchen und dem Souverän voaus – heutzutage ist sie oft demokratischer als viele seiner Kritiker (DIE ZEIT, 28.05.2009, Gero von Randow: Geistesaristokratie) und sie wird aufgrund ihrer Kontakte mit dem Neuen und Fremden selbst zum Feind (DIE ZEIT, 20.05.2009, Adam Soboczynski: Das Netz als Feind).

Die Digitale Avantgarde ist in und mit ihrer Nutzung der digitalen Medien und der digitalen Möglichkeiten der Garde, dem Souverän und dem Volk voraus. Und weil sie diesen voraus ist wird sie selbst zum Feind. Sie adaptiert das Neue und Fremde nicht nur – nein, sie umarmt das Neue und Fremde. Sie erkundet, erforscht, versucht und irrt und findet neue Wege und neue Plätze. Ich bin der Feind.

Doch irgendwann zieht die Masse hinterher, weil auch sie ehemals Neues und Fremdes adaptiert. Weil sie erkennt, dass das Neue und Fremde nicht nur Gefahren sondern auch Chancen, Sicherheiten und Möglichkeiten birgt. Ein Teil der ehemaligen Avantgarde wird dann selbst zur Masse und zum Teil der Garde. Ein anderer Teil der ehemaligen Avantgarde stürmt weiterhin der Garde, dem Souverän und dem Volk voraus und wird begleitet von neuen Avantgardisten.

Ich würde mich freuen, wenn ich mich jetzt bereits für das Jahr 2050 zur Digitalen Avantgarde zählen könnte. Aber wahrscheinlich – wenn ich denn dann noch lebe – werde ich froh sein, wenn ich auch nur ein Zehntel des Vokabulars der Digitalen Avantgarde des Feindes verstehen werde.

Postskriptum 1

Geschichte wiederholt sich. Wir dürfen nur nicht vergessen, daraus zu lernen und sie mit dem Neuen zu kombinieren.

Postskriptum 2

Ich warte bereits fieberhaft auf die ausführlichen Ergebnisse der ARD/ZDF-Onlinestudie 2009, die ab Anfang August 2009 veröffentlicht werden.