Irgendwo tief in den unendlichen Weiten eines großen Waldes. Ein halb fertiggestelltes Blockhaus. Nur ein Steinwurf entfernt davon: Ein muskulöser aufrechter Mann (alternativ: eine muskulöse aufrechte Frau), ein wahrer Naturbursche. Er steht am Wegesrande vor einem Naturgiganten, einem riesigen Baum. Mit urgewaltigen Schlägen treibt der Naturbursche seine Axt in den Baum, Schlag auf Schlag. Doch es will ihm nicht gelingen, den Baum zu fällen. Immer wütender schlägt, ja prügelt der Bursche auf den Baum. Doch der Baum fällt nicht.

Ein Wanderer – der Kleidung nach nicht aus dieser Gegend – schlendert des Weges entlang und sieht den schlagenden Burschen. Er verweilt. Nach einigen Minuten hält der Naturbursche in seinem Treiben inne. Beide schauen sich an.

Der Naturbursche ist der Verzweiflung nahe und spricht den Wanderer an in der Hoffnung um einen Rat:

Es scheint, Sie sind nicht von hier. Aber dennoch frage ich Sie. Ich weiß nicht mehr weiter. Den ganzen Tag lang fälle ich Bäume für mein Blockhaus. Doch je länger ich mit der Axt in die Bäume schlage, desto flacher dringen meine Axtschläge in den Baum. Ich habe andere Winkel ausprobiert. Ich habe schneller geschlagen. Ich habe mit mehr Kraft geschlagen. Doch nichts davon half.

Ich weiß nicht mehr weiter. Können Sie mir helfen, haben Sie einen Rat für mich?

Der Wanderer zögert kurz. Doch nach einem Blick auf einen offenen Werkzeugkasten an der Seite und einem weiteren Blick auf die Axt schaut er dem Burschen tief in die Augen und sagt mit ruhiger Stimme:

Nehmen Sie den Schleifstein und schärfen Sie die Axt. Versuchen Sie es einmal: Das Schlagen und Fällen dürfte danach viel schneller gehen, und es dürfte Ihnen auch viel leichter fallen!

Der Bursche verdreht die Augen, schaut gen Himmel und schüttelt wild den Kopf. Dann presst er wütend hervor:

Für so etwas habe ich keine Zeit, ich muss schließlich Bäume fällen! Ich habe schon genug Zeit für unser Gespräch verplempert!

Der Bursche wendet sich wieder dem Baum zu und schlägt mit wilder Entschlossenheit und erhöhter Kraft erneut und wieder und wieder in die Kerbe des Baumes.

Der Wanderer geht seines Weges und wiegt nachdenklich seinen Kopf. Dann lächelt er. Er freut sich auf sein nächstes BarCamp.

Bildquelle: Joachim Lindner

2 Kommentare
  1. Christian sagte:

    Sehr gute Kurzgeschichte :-D Kenne ich nur zu gut aus der Praxis dass solche Situatione bzw. Prozesse, deutlich weniger humoristisch, auch in der Praxis vorkommen. Der Klassiker ist ja ohnehin „haben wir schon immer so gemacht, also machen wir das auch weiterhin so“. In einer solch dynamischen, schnellebigen Welt wie der unseren heute, MUSS man open minded und aufgeschlossen für neues an Projekte herantreten. Schade dass dies viele noch nicht begriffen haben.

  2. Frank Hamm sagte:

    Sehe ich auch so. Viele Mitarbeiter, auch Manager, sind in den Prozessen gefangen aufgrund eigener Wahl. Früher hat aber auch ein Prozess meistens mehrere Jahre gehalten, heute aufgrund der angesprochenen Dynamik, muss ein Prozess ständig überprüft und verbessert oder abgeschafft werden.

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