Viele sprechen vom Wandel der Welt, der durch die digitalen Medien und ihre neuen Möglichkeiten gekennzeichnet ist. Schnell fallen Begriffe wie Arbeitsplatz der Zukunft, Smartphones, Digital Native, Digital Nomad, Mobile Prosumer. Diese Vielen sagen: Die Welt wird sich in den nächsten 20 Jahren grundlegend ändern. Und sie versprechen uns: Der Mensch und Bürger wird mobiler, unabhängiger und flexibler. Es wird alles besser. Wirklich?

Der dunkle Tunnel

Halten Sie ein und an, bevor Sie ins Träumen kommen und sich ein verschmitztes Lächeln auf ihr Gesicht schleicht. Schauen Sie sich die Probleme der Gegenwart und ihre Implikationen an. Erkennen Sie die Wahrheit: Die Zukunft in 20 Jahren ist kein strahlendes Licht sondern ein dunkler Tunnel.

Wie sieht sie also aus, die mobile Welt in der Zukunft?

1. Es gibt keinen Steve Jobs mehr

Der Kampf um die letzten Rohstoffe der Erde ist in vollem Gange. An alternativen Verfahren wird gearbeitet, doch der große Durchbruch lässt auf sich warten. Es geht um Ressourcen und Wohlstand. Immer weniger Ressourcen sind in den Händen immer weniger. Die Nationalstaaten sind pleite und bekommen ihr Geld von den Konzernen, damit die Infrastruktur noch einigermaßen funktioniert. Im Gegenzug bestimmen die Konzerne, wofür und vor allem für wen die Infrastruktur eingesetzt wird. Große Konzerne lösen die Regierungen ab, denn „Politik“ ist genauso unnötig wie versteckter Lobbyismus. Die einzelnen Regionen wie Südostasien, Europa und Nordamerika werden durch wenige Konzerne beherrscht. Das Konstrukt der Nationalstaaten ist aus dem 19 Jahrhundert und obsolet, genauso wie die Vereinten Nationen.

Startups werden geschluckt. Nur wenige Großkonzerne sind übrig. Die Führungen der Konzerne werden durch Machtkämpfe entschieden. Innerhalb der Konzerne buhlen Mitglieder um Bedeutung und kämpfen sich nach oben. Nur gelegentlich hält sich ein autokratischer Konzernchef für länger als ein oder zwei Jahre bis er vom Konkurrenten abgesägt wird.

Es gibt keinen nächsten Steve Jobs mehr. Er stirbt bei einem Attentat seiner Konkurrenten.

Unrealistisch, sagen Sie? Wer könnte sich so etwas schon vorstellen? Schauen Sie sich Max Headroom oder Blade Runner an…

2. Mobilität ist ein Privileg der Reichen

Rohstoffe und Energie sind teuer. Mobilität ist teuer. Physische Mobilität können sich nur wenige wie die Oberen in den Konzernen leisten. Gelegentlich werden einzelne Aufträge vergeben, für die der Auftragnehmer vom auftraggebenden Konzern Mobilität bekommt. Doch Mobilität für Arbeit ist großteils unnötig, denn physische Arbeit wird durch immer kleinere und autonomere Automaten (Roboter) durchgeführt. Nur in der kreativen Arbeit sind Menschen den Maschinen voraus – noch.

Physische Mobilität bewegt sich entlang weniger Transportkanäle mit automatisierten Wagen zwischen Megacities. 90 Prozent der fast 10 Milliarden Menschen auf der Erde leben in solchen Megacities mit 20, 50 oder noch mehr Bewohnern. Innerhalb der Megacities gibt es große Transportkanäle wie S-Bahnen, U-Bahnen, Rollwege. Außerhalb der Transportkanäle wird Transportkapazität gemietet: Straßentaxis für die weniger Betuchten, Lufttaxis für die besser Betuchten.

Besprechungen mit körperlicher Anwesenheit sind zu teuer und werden durch alternative virtuelle Treffen ersetzt. Besprechungen finden holografisch oder in virtuellen Welten statt. Die Entwicklung geht zu immer virtuelleren Welten. Die Technik wird immer kleiner, schneller und intelligenter.

Reisen und Mobilität können sich nur die Reichen wie die Vorstände, Executives und Direktoren der Konzerne leisten. Teuer bezahlte Spezialisten genießen diese Privilegien. Die große Masse bleibt ihr Leben lang im Viertel ihrer Megacity.

3. Egobots erledigen unsere Alltagskommunikation

Pseudo-intelligente Software-Bots kommunizieren für uns. Viel schneller als jede Tastatur, die wir bedienen könnten, und als alle Gedanken, die wir denken könnten, unterhalten sie sich an unserer Stelle mit anderen Bots oder sogar mit anderen Menschen. Diese „Egobots“ kennen unsere Meinungen, Ansichten und Wünsche und können viel schneller und viel effizienter den Anruf eines unerwünschten Bekannten abwimmeln – wobei der seinen Egobot für den ersten Kontakt vorgeschickt hat. Wenn unser Egobot erkennt, dass wir persönlich kommunizieren sollten, dann verhandelt er die Modalitäten wie den besten Zeitpunkt. Unser Egobot blockiert für uns automatisch den geeigneten Termin im Kalender, wenn wir nicht gleich miteinander kommunizieren wollen oder können.

Weil wir unsere Egobots haben erfolgt ein Großteil unserer Kommunikation in Echtzeit. Automatisch weiß unser Egobot, wo wir sind, was und wer um uns herum ist. Das weiß er von den anderen Egobots. Wir und unsere Egobots sind alle vernetzt und kommunizieren ständig – dank einer großzügigen Infrastruktur, damit wir jederzeit für unseren Konzern erreichbar sind und für ihn arbeiten können.

4. Nanobots sind unser Smartphone

Smartphones sind ein Auslaufmodell. Sie hatten ihre Hochzeit bevor die Miniaturisierung den Nanobereich erreichte. Das begrenzende Element für die Smartphones war nicht die Rechnerleistung sondern die Schnittstelle von und zu dem Menschen – uns. Eine Anzeigefläche verbraucht zu viel Platz. Eine Tastatur genauso. Ein Lautsprecher und das Mikrofon dazu ebenso.

Inzwischen setzen wir spezialisierte Nanobots ein. Diese Nanobots sind ebenso pseudo-intelligent wie die Pseudobots, doch im Gegensatz dazu sind die Nanobots kleine technische Meisterwerke, die über eine Schwarmintelligenz verfügen und vielfältige Schnittstellen bilden. So können sie sich unter der Haut sammeln und sich an die Hör- oder Sehnerven klinken. Verteilt über unseren Kopf bilden sie ein Netz, das unser EEG auswertet. So können wir mit unseren Gedanken unser persönliches Nanobotnetz ansteuern und Befehle erteilen.

Wenn wir im Transportsystem eine Anfrage an die nächste Verbindung zur Konzernzentrale „erdenken“, dann versteht das unser Nanobotnetz. Dieses wiederum übersetzt unsere Gedankenanweisungen an unseren Egobot, der die Informationen einholt und an die Nanobots übergibt. Von ihnen in unsere Sehnerven eingespielt erscheint wie auf einem Head-up-Display vor unseren Augen die Darstellung der Strecke und der Verbindungen. Gleichzeitig hören wir unsere Nanobots, wie sie uns die aktuelle Verkehrssituation und das Mikroklima der Megacity beschreiben. In Gefahrensituationen übernehmen die Nanobots beispielsweise das Kommando über unsere Muskeln, um unser Stolpern auf der Treppe abzufangen.

Science Fiction? Bereits heute sind Wissenschaftler in der Lage, Hirnströme auszuwerten und Personen damit beispielsweise Sätze schreiben zu lassen – nur mit der Kraft ihrer Gedanken:

Medizinische Anwendungen, bei denen gelähmte Patienten nur mit den Gedanken einen Rollstuhl fortbewegen können, sind damit schon heute möglich. Allerdings werfen solche Techniken auch ethische Fragen auf: Wie weit darf man überhaupt ins Gehirn von Menschen vordringen? Und kann man am Ende die Gedanken von Menschen sogar wie in Science-Fiction-Filmen manipulieren?

Caro Matzko und Gunnar Mergner wollen herausfinden, wie weit genau Wissenschaftler – auf der Jagd nach den Gedanken – schon in unser Gehirn blicken können. Dazu wagen sie einen spektakulären Versuch: Gunnar will von Wissenschaftlern der TU Berlin seine individuelle Gehirnaktivität messen lassen. Das Ziel: Am Ende des Versuchs soll er eine computergestützte Schreibmaschine steuern – allein mit der Kraft seiner Gedanken.

[ X:enius: „Die Gedanken sind frei“ ]

Es geht alles. Doch soll es gehen, wenn es geht? Die Frage stellt sich nicht mehr: Die Konzerne haben für uns entschieden. Denn was hier geht, ist ein riesiges Geschäft.

5. Wir sind alle selbständig

Festanstellung adé! Wir sind alle selbständig abhängig. Wir angeln uns von Auftrag zu Auftrag, von Projekt zu Projekt. Egobots und Nanobots sind nicht für uns da, sondern dafür, für unseren Konzern und seine Aufträge das Beste zu geben: Unser Leben gehört nicht mehr uns.

Selbständigkeit ist eine Illusion. Es ist die Abhängigkeit von Egobots, Nanobots und den Konzernen. Nur wenige schaffen es in einem Konzern so aufzusteigen, dass sie reisen können. Doch einen wirklich eigenen unabhängigen Egobot und ein unabhängiges Nanobotnetz hat niemand. Die gehören alle den Konzernen. Wir gehören den Konzernen.

Wir sind nicht selbständig. Wir haben uns aufgegeben beim Streben nach Mobilität, mehr Kommunikation, Reputation und vermeintlichem „Mehr Wert sein“. Wir sind vernetzt und doch alleine.

Wir hätten besser auf unsere Zukunft achten sollen. Wir hätten uns nicht auf den Tunnel einlassen sollen. Es ist zu spät.


Blog Wettbewerb

Dies ist mein Beitrag zum Blog-Wettbewerb von Code_n, der unter dem Motto ‚„Shaping Mobile Life“ – heute und morgen!‚ steht:

Wer ist der nächste Steve Jobs der mobilen Revolution? Wie sieht Mobilität in 20 Jahren aus? Setzt sich Echtzeit-Kommunikation durch oder ist Twitter in fünf Jahren vergessen? Wie verändern Smartphone, Foursquare & Co. unser Leben und Arbeiten? Wir wollen Eure Meinung und Eure Ideen!

Ich hoffe, ich habe Sie provoziert mit meiner Endzeitkolumne ;-)

Nachtrag und Hinweis: Jan Theofel machte mich dankenswerter Weise auf den Blog-Wettbewerb aufmerksam.

3 Kommentare
  1. Ludwig sagte:

    Frank, ist das von dir ernstgemeint? Ich glaub es ja nicht, aber sicherheitshalber frag ich mal nach bevor ich dir widerspreche … Wobei ich 3. für realistisch halte. Und grundsätzlich für nicht unpraktisch

    • Frank Hamm sagte:

      Ein bisschen Ernst ist schon dabei. Für mich sind das mögliche Zukunftspfade mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten:

      3) Egobots und 4) Nanobots halte ich für sehr wahrscheinlich

      1) Kein Steve Jobs und 2) Mobilität nur für Reiche: etwas wahrscheinlich

      5) Alle selbständig: einigermaßen wahrscheinlich. Das ist bereits eine Entwicklung in vielen Gesellschaften. Unternehmen halten aufgrund des Konkurrenzdruckes nur noch wenige Angestellten in „schlechten“ Zeiten vor sondern holen sie sich bei Selbständigen oder Zeitarbeitsfirmen. Alle werden wohl nicht selbständig sein, da die Unternehmen versuchen werden, besonderes Know-How / Mitarbeiter an sich zu binden. Andererseits werden gerade besondere Mitarbeiter Ihr Know-How höchstbietend auch an andere Unternehmen verkaufen wollen. Denn die von Unternehmen bei Angestellten gerne eingeforderte Loyalität zählt im umgekehrten Bedarfsfall (z.B. Stellenabbau bei Fusion/Übernahme) immer weniger.

      Letztendlich hängt es von uns allen ab, welche Entwicklungen bzw. Wahrscheinlichkeiten eintreten. Ich habe einfach mal mit solchen Entwicklungen „gespielt“ und düstere Varianten gewählt…

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