Immer noch herrscht in nahezu allen Unternehmen und Organisationen und in der Politik eine durch den Taylorismus und Fordismus geprägte Berufsethik. Diese Berufsethik beruht auf Macht durch Wissen und die Kapselung des Wissens in Hierarchien und Silos. Diese Berufsethik ist veraltet und gefährlich: Sie führt zur tiefgreifenden Spaltung in Unternehmen und Politik, ja in unserer Gesellschaft. Ich fordere eine neue Berufsethik der Toleranz, der Fehlertoleranz und der Redlichkeit!

Die alte Berufsethik

Die bestehende, alte und veraltete Berufsethik setzt auf Hierarchien zur Kapselung von Wissen und der Verfestigung von Macht. Diese alte Berufsethik hat zu effizienten aber singulären Prozessen nach dem EVA-Prinzip geführt:

  • Eingabe von einem anderen Silo in den eigenen Silo
  • Verarbeitung mit dem eigenen herrschaftlichen Wissen
  • Ausgabe in den nächsten Silo

Diese Berufsethik begründet sich auf der Idee des sicheren Wissens und des persönlichen Wissens. Das "sichere Wissen" jedoch gibt es nicht. Jedes Wissen ist Vermutungswissen bis es durch neueres Wissen widerlegt wird. Einstein zeigte, dass Newtons Gravitationstheorie Vermutungswissen war. Wir "wissen", dass der Apfel vom Baum nach unten auf die Erde fällt, weil er das seit Jahrtausenden getan hat. Doch in dem Augenblick, in dem er nach oben oder zur Seite fällt, erfahren wir, dass all unser Wissen sich nur auf Vermutung begründet hatte. Einstein war sich dessen bewusst.


Das Wissen, über das eine Person verfügt, wurde immer wichtiger. Dieses "persönliche" Wissen sorgt dafür, dass sein Träger mächtig wird. Aber ein einzelner Mensch wird nie über alles Wissen verfügen können, es wird immer unpersönliches Wissen geben, das persönliches Wissen auch widerlegt. Das persönliche Wissen kann nur kurzfristig und in Teilbereichen mithalten, weil der Fortschritt, das Wissen aller immer schneller zunimmt. Dieses Wissen wird überholt, weil sich die Vermutungen als falsch herausstellen.

Wer will heutzutage noch behaupten, er alleine verfüge über das richtige und sichere Wissen? Richtig: Die Vertreter der intellektuellen Berufe wie Juristen, Ingenieure, Architekten, Manager und Politiker. Diese Vertreter begründen Ihre Position zu einem Großteil
darauf, dass sie über persönliches sicheres Wissen verfügten – Wissen, das sie doch selbst oft von sogenannten Experten mit vermeintlichem persönlichen sicheren Wissen haben. Doch in Wirklichkeit
verkünden diese Vertreter nicht, sie hätten Wissen. Sie verkünden, sie hätten Recht. Sie verkünden, sie verfügten über Autorität.

Xenophanes, Sokrates, Voltaire, Popper sind berühmte Vertreter der skeptischen Tradition. Bereits Sokrates lehrte, dass nur der weise sei, der wisse, dass er es nicht sei. Und Sokrates sagte: "Unrecht erleiden ist besser als Unrecht zu tun." Doch die alte Berufsethik setzte an zur Vernichtung des skeptischen Denkens und Prüfens und der Toleranz. "Kontrolliere das Wissen und sei mächtig!" vernichtete beinahe diese Tradition. 

Die alte Berufsethik ist zutiefst intolerant und führt daher zum konsequenten Vertuschen von Fehlern. Sie ist unmenschlich und führt zur Spaltung der Gesellschaft in diejenigen, die Macht haben und diejenigen, die mit ihrem Wissen Macht in Frage stellen.

Die neue Berufsethik

Ich fordere eine neue Berufsethik in Unternehmen, Organisationen und Politik. Wir müssen uns der Wahrheitssuche und der Annäherung an die Wahrheit verpflichten. Wir müssen redlich handeln und zu unserer eigenen Fehlbarkeit stehen. Ich fordere eine neue Ethik, die auf zwölf Prinzipien beruht:

  1. Es gibt keine Autoritäten!
  2. Es ist unmöglich, alle Fehler zu vermeiden!
    Die Überzeugung, man könne Fehler vermeiden, ist selbst fehlerhaft.
  3. Es bleibt unsere Aufgabe, Fehler nach Möglichkeit zu vermeiden!
    Es wird uns zwar nicht gelingen, aber wir sollten danach streben.
  4. Wir sollen nach Fehlern suchen!
    Auch vermeintlich Bewährtes kann fehlerhaft sein.
  5. Wir müssen unsere Einstellung zu unseren Fehlern ändern!
    Die alte berufsethische Einstellung führt nur zur Vertuschung von Fehlern und zu Nicht lernen.
  6. Wir müssen von unseren Fehlern lernen, um sie möglichst zu vermeiden!
  7. Wir müssen dauernd nach unseren eigenen Fehlern Ausschau halten!
    Wenn wir sie gefunden haben, müssen wir sie analysieren, um aus ihnen zu lernen.
  8. Selbstkritische Haltung und Aufrichtigkeit sind unsere Pflicht!
  9. Wir müssen dankbar sein, wenn andere uns auf unsere Fehler aufmerksam machen!
    Wenn wir andere auf ihre Fehler aufmerksam machen, sollten wir daran denken, dass wir selbst Fehler machen.
  10. Wir brauchen andere Menschen zur Entdeckung und Korrektur von Fehlern!
  11. Selbstkritik ist die beste Kritik, aber die Kritik durch andere ist eine Notwendigket!
  12. Wir müssen immer rational und spezifisch kritisieren!

Altes gestohlenes Wissen

Doch oft benötigen wir kein neueres Wissen, um altes Wissen zu widerlegen. Oft reicht es, auf altes Wissen zurückzugreifen – altes Wissen, das bisher nur ungleichmäßig verteilt war. 

Denn die Gedanken, den Sinn und viele Worte dieses Artikels habe ich gestohlen aus einem Vortrag, den Karl Popper am 26. Mai 1981 an der Universität Tübingen hielt:

Duldsamkeit und intellektuelle Verantwortlichkeit (gestohlen von Xenophanes und von Voltaire), entnommen dem Buch "Auf der Suche nach einer besseren Welt: Vorträge und Aufsätze aus dreißig Jahren".

Nachtrag

Deswegen brauchen wir eine neue Berufsethik: PR-Squared – Scenes from a Social Enterprise