Ich bin Journalist

Gegenwärtig kochen wieder einmal – wie immer wieder seit Jahren – die Gemüter hoch und erhitzen sich in der ewigen Diskussion „Journalisten versus Blogger“. Gängige Variationen dazu lauten beispielsweise „Presse versus Blogs“ oder „Qualitätsjournalismus versus Dilettantismus“.

Qualitätsjournalismus

Vorgestern erhitzt sich Jürgen Vielmeier bei Basic Thinking in einem Artikel über die mangelhafte journalistische Arbeit sogenannter selbsternannter qualitätsjournalistischer Medien (meine Formulierung). Diese haben ihre Art der Quellenangabe verbessert und verweisen nicht mehr nur auf „Quelle: Internet“ sondern sogar sehr detailliert beispielsweise auf einen „Internet-Blogger“. Doch diese neue revolutionäre Art genügt ihm nicht, diese Welt ist ihm nicht genug. Seinen Frust muss er loswerden, denn „es hatte sich in den letzten Tagen angestaut und mich ein wenig verblüfft zurückgelassen“. Jürgen ist nicht nur angesäuert sondern ausgesprochen sauer. Vollkommen zu Recht. Das war ich in solchen Fällen auch schon. Natürlich ebenfalls vollkommen zu Recht.

BTW Ich habe einmal gelernt, dass im Qualitätsjournalismus nach der ersten Erwähnung einer Person mit ihrem Vor- und Nachnamen (natürlich ohne Titel, es sei denn dieser ist für den Artikel relevant) bei nachfolgenden Erwähnungen nur noch der Nachname verwendet wird. Qualifiziert meine Verwendung des Vornamens „Jürgen“ anstelle des Nachnamens „Vielmeier“ mich damit als Nichtqualitätsjournalist und dieses Medium damit als Nichtqualitätsmedium?

Leser

Martin Weigert echauffiert sich vorgestern auf Netzwertig.com über ein gravierendes Problem in diesem unseren Netz: „… sich im Netz rasant verbreitende Falschmeldungen und Halbwahrheiten rund um die großen Technologie-Firmen“. Und meint damit irgendwie ebenfalls diese sogenannte selbsternannte qualitätsjournalistische Medien. Martin versteift sich zur Forderung, Sie (ja, genau Sie, die Leser!) seien geradezu verpflichtet „…jede scheinbar ach so wichtige Nachricht zu Facebook, Google, Apple & Co genauer zu hinterfragen und nicht alles sofort zu glauben, was veröffentlicht wird“. Da hätten Sie aber viel und lange zu tun. Aufgrund unserer zunehmend vernetzten Welt (bla, bla, bala) dürfen Sie nicht bei Meldungen zur Technologiebranche Halt machen. Stellen Sie sich beispielsweise vor, sich aufgrund einer Tagesschaumeldung zur Reaktorkatastrophe in Japan erst einmal stundenlang auf die Recherche nach Hintergründen und Quellen zu begeben. Huch, fast hätte ich IHN vergessen, den Link auf Martin, die Quelle.

BTW Qualifiziert die Verwendung des Verbs „echauffieren“ anstelle des Verbs „erhitzen“ mich als Qualitätsjournalist und dieses Blog als Qualitätsmedium?

Dilettanten

Gestern beruhigt sich Jürgen Martin, versucht auszugleichen und behauptet, es gäbe Dilettanten auf beiden Seiten. Schließlich bestünde die Blogosphäre größtenteils aus Dilettanten. Was nicht abwertend gemeint sei. Ich bevorzuge den Begriff „Amateure“. Was nicht nur nicht abwertend sondern sogar aufwertend gemeint ist.

Dilettantismus trifft da deutlich eher auf die etablierten Verlage zu. Denn sie „…brüsten sich mit ihrem hohen Qualitätsanspruch, beschäftigen eine Schar vorzüglich ausgebildeter, hochintelligenter Journalisten und sollten eigentlich in ihrer Onlinearbeit (die nunmal aus mehr besteht als der eigentlichen Schreib- und Recherchetätigkeit) eine Vorbildfunktion einnehmen“. Recht hat er, der Jürgen Martin.

Nachtragende Redaktion: Aufgrund eines Hinweises von kadekmedien führte der verantwortliche Redakteur ein ausführliches intensives Gespräch mit dem Journalisten dieses Artikels über dessen Dilettantismus. Denn dieser hatte in diesem Abschnitt Jürgen Martin und Martin Jürgen verwechselt. Der Journalist wurde eindringlich gebeten, über seine Einstellung zum Qualitätsjournalismus nachzudenken.

Ich bin Journalist

Journalismus ist für mich keine Frage des Unternehmens, des Mediums, der Ausbildung oder des puren Anspruchs. Sondern eine Frage des Handelns. Ausbildung kann dazu allerdings hilfreich sein. Muss aber nicht, wie Sie möglicherweise bei manchen, selbstverständlich vereinzelten, ausgebildeten Journalisten nachvollziehen können. Qualität ist eine Eigenschaft, die sich aus den Ergebnissen des Handelns ergibt.

Apropos Journalismus. Journal kommt nicht von ungefähr von Jour.

Das Journal [ʒʊrˈnaːl] (frz. journal [ʒuʀˈnal] = Zeitung, Tagebuch) ist eine besondere Form des Tage- oder des Notizbuchs.

Es dient dem Notieren thematisch orientierter Einfälle. Methodisch wird dies beim so genannten Journal-Writing im Bereich journalistischer Recherche, wissenschaftlicher Forschung und schriftstellerischer Arbeit umgesetzt. Es bildet ein wichtiges Handwerkzeug für das Kreative Schreiben.

[ Wikipedia: Journal (Buch) ]

So, jetzt versuchen Sie einmal mir zu folgen:

  1. Ich schreibe täglich (in diesem elektronischen Buch und/oder in anderen)
  2. Ich notiere Einfälle, Ideen, Beobachtungen
  3. Meine Einfälle orientieren sich thematisch
  4. Die Notizen ordne ich thematisch beispielsweise durch Kategorien und Schlagwörter zu
  5. Ich recherchiere
  6. Gleichzeitig generiere ich dadurch unzählige schriftstellerische Erzeugnisse
  7. Ich bin und schreibe kreativ (oder wie wollen Sie diesen Artikel sonst bezeichnen?)

Ich bin Journalist.

Über die Qualität meiner Ergebnisse lasse ich mit mir diskutieren. Aber ich bin Journalist.

P.S.: Ich hoffe, Sie haben nicht alles kommentarlos und ohne eigene Recherche für bare Münze gehalten. Denn (um mit Martins Worten zu schreiben) über diesem Text prangt das Logo eines renommierten Medienhauses: INJELEA.

6 Kommentare
    • Frank Hamm sagte:

      Danke! Glücklicherweise hat der Journalist nicht auch die Links
      verwechselt, sonst hätte ich als Redakteur ein weiteres intensives
      Gespräch mit ihm führen müssen :-)

  1. Horst sagte:

    Wohin die immer wieder aufkeimenden „Zuspitzungen“ am Ende führen wollen, weiß so richtig auch keiner. Oder? Und wie es immer so ist. Ein bisschen recht haben beide Seiten. Auch wenn diese Sichtweise vielleicht etwas langweilig ist.

    • Frank Hamm sagte:

      Die „Zuspitzungen“ wird es wahrscheinlich in 10 Jahren auch noch geben. Andererseits sorgen die Zuspitzungen vielleicht doch ein bisschen für Verständnis untereinander :-)

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