Das Zeit-Magazin widmet sich diese Woche der Frage „Typisch jüdisch?“ und den Dramen, die das Leben eines jeden Juden bestimmen: Gott, Sex, Mutter, Geld, Identität und Liebe. Als ob das typisch jüdisch wäre. Aber irgendwie doch. Wirklich? Irgendwie erwischt es doch jeden damit, mit diesen Themen.

Andererseits erwischt es jeden irgendwann damit, in eine Schublade gesteckt zu werden. Harald Martenstein beispielsweise, der in seiner Kolumne bekennt:

Ich gehöre zum dreizehnten Stamm des jüdischen Volkes. Ich bin ein sogenannter Scheinjude. Seit mein Name in der Zeitung steht, bekomme ich vier oder fünf Mal im Jahr Briefe, in denen ich als Jude angesprochen, als Jude gelobt oder als Jude beschimpft werde.

Ich bin auch einer dieser Scheinjuden. Potentiell zumindest. Ich kann mich zwar nicht daran erinnern, jemals als Jude beschimpft oder gelobt worden zu sein. Aber es hätte sein können, und es könnte mich jederzeit erwischen. Denn ich bringe Voraussetzungen dafür mit:

  • Meine Körpergröße gab im Wachstum bei 1,74 Meter auf. Ich bin nicht gerade kleinwüchsig aber jedenfalls kein großer Deutscher.
  • Blonde Haare habe ich auch keine. Ich habe schwarze Haare. Also früher jedenfalls. Inzwischen drängt sich die Farbe Grau Silber immer mehr in den Vordergrund.
  • Ich reite gerne auf der Geschichte der Deutschen herum und bestehe darauf, man müsse aus der Geschichte etwas lernen (andererseits sollte jeder etwas aus der Geschichte und den Geschichten der Menschheit lernen).
  • Ich zucke bei rechtsradikalen Parolen zusammen (bei linksradikalen allerdings auch).
  • Ich habe eine schräge Nase, die sich etwas in die eine Gesichtshälfte – also eher als zur Mitte hin – neigt. Manchmal kokettiere ich damit, dass ich in einer Schlägerei meiner wilden Jugendzeit etwas abbekommen hätte („Ihr solltet die anderen drei sehen!“). Tatsache ist jedoch, dass ich mich ganz selten geprügelt habe (Obwohl ich dann … verloren habe? Ist das typisch jüdisch?). Die schräge Nase muss wohl genetisch sein (spricht das für jüdisch?).
  • In meiner Schulzeit habe ich mehrfach Hava Nagila gejodelt. Ich weiß, das ist schon ewig her. Aber das hebt mich gegenüber Martenstein hervor. Der hat das anscheinend noch nicht, denn sonst würde er nicht seine Idee so hervorheben, mit Esther Kogelboom in einer Laubhütte am Alexanderplatz Hava Nagila jodeln zu wollen.
  • Ich gehe gerne in Synagogen und habe dort ein irgendwie ergriffenes Gefühl. Jedoch gehe ich auch gerne in christliche Kirchen oder Moscheen oder andere Gotteshäuser. Dort fühle ich mich ebenfalls irgendwie ergriffen. Vielleicht hängt das mit meinem seltsamen Gefühl für Geschichte zusammen.
  • Ich könnte mich als einen „Freund Israels“ bezeichnen, weil ich vieles bewundere, was Israel geschaffen hat. Aber ich mag nicht, dass Israel vieles zerstört hat.
  • Ich bin kein reiner Deutscher (ich weiß jedoch nicht einmal, was ein reiner Deutscher ist). Tatsache ist: Ich weiß recht wenig über meine Vorfahren. Mein Vater kommt aus Rheinhessen, es gibt hier viele „Hamms“, aber wer weiß schon, wer davor von woher aus welchem Volk oder welchem Glauben kam. Meine Mutter kommt aus dem Odenwald. Ihre Großmutter hat mir vor vielen Jahren erzählt, dass mein Ur-Urgroßvater (alles mütterlicherseits) um 1880 als Gastarbeiter aus Italien kam und den Krähbergtunnel mitbaute (Gastarbeiter gab es nicht erst in den 1960ern!). Aber vielleicht hatte der einen jüdischen Vorfahren, und ich habe dadurch die geringe Körpergröße, die schiefe Nase und das schwarze Haar. Vielleicht war einer seiner Vorfahren aber auch ein Arier, der im Rahmen der Völkerwanderung aus Asien nach Italien verschlagen worden war.

Mein Versuch, mich als Scheinjude zu legitimieren, ist nur unwesentlich von Erfolg gekennzeichnet. Aber es bleiben berechtigte Zweifel daran, dass ich keiner bin. Jeder könnte einen Anlass dafür haben oder finden, dass ich einer bin. Sogar ich. Sogar, dass ich jüdische Vorfahren habe(n könnte).

Tatsache ist, dass mich Themen wie Gott, Sex, Mutter, Geld, Identität und Liebe beschäftigen. Bin ich deswegen ein Jude? Nein. Aber einer dieser Scheinjuden, wie jeder einer ist oder sein könnte.

Wahrscheinlich bin ich auch ein Scheinpalästinenser, ein Scheinchrist, ein Scheinaraber, ein Scheinarier, ein Scheindeutscher, ein Scheinmensch und ein Scheinaußerirdischer. Gründe dafür gibt es immer, wenn ein Mensch nach Gründen für Schubladen oder für Vorurteile sucht.

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