Beziehungschaos im Netz vermeiden: Bei Twitter bin ich auf Frank Hamms Blogparade zum Thema Beziehungen und Kontakte in sozialen Netzwerken gestoßen und bin seiner Einladung zu einem Gastbeitrag nur zu gern gefolgt. Gastbeitrag von Lisa Schreiber,  Linguistin, Digital Native und PR-Beraterin bei Cortent Kommunikation.

Kein Grund für Beziehungschaos - Freunde, Friends und Follower (Alle Rechte: Lisa Schreiber)

Kein Grund für Beziehungschaos – Freunde, Friends und Follower (Alle Rechte: Lisa Schreiber)

Freunde, Kontakte oder Follower: Die Vielfalt im Social Web ist groß und ebenso groß die Gefahr, dass schnell Chaos beim Vernetzen entsteht und die Arbeitskollegen beispielsweise ungewollt Zeugen des Kriegs mit der Schwiegermutter werden. Wie also mit Kontakten im Social Web umgehen? Die Frage stellt sich uns spätestens mit dem Eintritt in ein soziales Netzwerk. Wir müssen entscheiden, wen wir wie weit in unsere Social-Web-Aktivitäten einbeziehen und für uns klären, welche Bedeutung unsere Kontakte für uns haben.

Echte Freunde oder false friends?

Selbst wenn ich jeden meiner 140 Facebook-Freunde kenne, sind das deshalb alles meine „Freunde“? Eigentlich nicht. Lehne ich nun in sozialen Netzwerken alle Kontaktanfragen von Menschen ab, die ich nicht als Freunde bezeichnen würde? Grundsätzlich nicht, wobei das akzeptable Maß letztendlich auch von der Plattform und ihren Funktionen und Gepflogenheiten abhängt.

Die meisten Mitglieder in Social Networks nutzen diese ausschließlich bis überwiegend privat. Dabei sind sie sich – mindestens unterbewusst – den Unterschieden bei ihren (Online-)Kontakten bewusst: Bei einer repräsentativen Umfrage von Bitkom und Forsa gaben 84 Prozent der befragten Netzwerknutzer an, dass sie niemals Fremde als Kontakt bestätigen würden. Flüchtige Bekannte würden 36 Prozent ablehnen. Ein Drittel würde sich nicht mit dem Chef vernetzen wollen und 13 Prozent lehnen gar Arbeitskollegen ab.

Nun verwirrt der Begriff Freund oder Friend anfangs häufig. Im englischsprachigen Raum ist der Begriff wesentlich weiter gefasst als hierzulande: Da sind Freunde einfach Menschen, die man zumindest vage kennt und die es – über kurz oder lang – nicht geschafft haben, absolute Abneigung oder abgrundtiefen Hass auf sich zu ziehen. Oliver Gassner definiert Friend treffend als „Jemand[en], auf den ich nicht schieße“ (made my day:-) – also jemanden, dem ich freundlich gesonnen bin. Und während ich unvirtuell mit unterschiedlichen Menschen (denen ich wohlgesonnen bin) unterschiedliche Informationen teile oder mich für deren Informationen interessiere, mache ich das im Social Web genauso.

Online- vs. Offline-Welt

Diese Parallelen in die Offline-Welt sind durchaus sinnvoll. Denn auch wenn Social Media großen Einfluss auf unsere Kommunikationskultur und ‑gewohnheiten haben, so bleiben bestimmte Muster doch gleich: Ein Plausch mit den Nachbarn macht uns noch nicht zu Freunden, was dem Dialog jedoch keinen Abbruch tut. Themen sind hier seltener die Bundestagswahl oder Fernsehgewohnheiten, eher noch unzuverlässige Postboten oder das neue Geschäft um die Ecke.

Genauso sprechen wir mit unseren Arbeitskollegen über andere Sachen als mit alten Uni-Kollegen, mit engen Freunden privater als vielleicht mit Personen, mit denen wir einfach spezielle oder berufliche Interessen teilen. Interessanten Themen folgen wir offline bei Veranstaltungen oder Vorträgen und schauen uns eine Fernsehsendung dazu an. Wir bewegen uns seit jeher in Kreisen, die unterschiedliche Kommunikation erfordern. Dieser Tatsache will ja auch Google+ mit seinen Kreisen gerecht werden. Schließlich legen fast 80 Prozent der Social-Network-Nutzer Wert darauf, die Sichtbarkeit ihrer Daten für bestimmte Personengruppen festzulegen.

Symmetrische vs. asymmetrische Vernetzung

Dabei habe ich festgestellt, dass meine Vernetzungsgewohnheiten auf sozialen Plattformen recht verschieden sind – je nach dem dortigen Freundschafts- oder Followerprinzip (Martin Weigert hat das auf netzwertig.com mal schön erklärt) Dort wo beide Seiten die Freundschaft oder den Kontakt bestätigen müssen (symmetrisch), vernetze ich mich fast ausschließlich mit Personen, die ich schon live und in Farbe getroffen habe – bei Facebook eher privat, bei Xing und LinkedIn eher beruflich. Damit werden meist schon bestehende Beziehungen bestätigt und auf die Online-Welt ausgeweitet.

Anders sieht es bei Twitter oder Google+ aus: Hier können sich die User auch einseitig (asymmetrisch) vernetzen. Ich kann jemandem folgen, ohne dass er mir folgen muss, und das „Eingekreist werden“ muss ich nicht zwangsläufig erwidern. Inhalt zählt, und ich tausche mich mit Leuten aus, die ich nicht immer persönlich kenne. In der Offline-Analogie: Eine Veranstaltung, auf der ich u.U. neue Leute treffe, Input bekomme und gebe sowie interessante Themen diskutiere. Online-Plattformen geben den Raum dazu.

Folgen und verfolgt werden

Neben bekannten Gesichtern folge ich auch „mir persönlich unbekannten“ Personen mit interessanten Inhalten. Dabei erwarte ich nicht, dass das Interesse erwidert wird. Umso größer die Freude, wenn das doch der Fall ist :-). Umgekehrt gilt: Jemandem, der mir folgt, folge ich gern zurück – vorausgesetzt dieser Kontakt hat ähnliche Interessen, teilt spannende Sachen, oder wir sind schon einmal ins Gespräch gekommen.

Dieser persönliche Bezug ist für mich ein entscheidendes Kriterium. Kontaktsammler haben da schlechte Chancen. Auf Twitter und Google+ habe ich jedoch beispielsweise mehr Online-Kontakte, die ich ausschließlich aus dem Netz kenne. Beide Netzwerke nutze ich übrigens sowohl privat als auch beruflich.

Ob und aus welchem Zusammenhang ich meine Kontakte kenne, vermerke ich – falls möglich – fast immer bei der Vernetzung und sortiere sie danach. Bei Facebook in Listen, bei Google+ in Kreisen und bei Xing nach Kategorien. Das weist häufig (noch) ausreichend auf den Status, die Verbindung und gemeinsame Interessen oder Themen hin. Falls Kontakte in mehrere Bereiche fallen, werden sie eben mehrfach zugeordnet.

Qualität vor Quantität

Diese relativ strikte Vorgehensweise bei Kontaktanfragen sorgt dafür, dass ich neben dem Kontakte knüpfen vor allem auch bestehende Kontakte pflegen kann. Denn von „Karteileichen“ aufgrund mangelnden Bezugs zu der Person hat am Ende keiner etwas. Erinnere ich mich (wohlgesonnen :-) ) an den Anfrager oder hilft er mir auf die Sprünge, vernetze ich mich gern mit ihm. Kontakten, die ich persönlich kenne und schätze, verzeihe ich sogar den Avatar als Profilbild – solange es weitere Anhaltspunkte für ihre Identität gibt. Einfach nur mit einer Person und 1.000 weiteren in derselben Xing-Gruppe zu sein, reicht da leider nicht. Es sei denn, wir sind dort tatsächlich ins Gespräch gekommen. Windige Accounts, die mir beispielsweise auf Twitter folgen, stören mich in der Regel nicht: Die sind nach 24 bis 48 Stunden hartnäckiger Ignoranz meinerseits meist wieder verschwunden.

Auch ich bin mit Menschen befreundet oder vernetzt, mit denen ich seit Jahren nicht mehr gesprochen habe oder mit denen ich nur kurzzeitig zu tun hatte. Aber es verbindet mich etwas mit ihnen, seien es private oder berufliche Erfahrungen und Themen.

Das Prinzip lautet „Follower und Friends nicht um jeden Preis“ – und das hat sich bisher ausgezahlt. Denn erstens habe ich für Kontakte, auf die ich mich einlasse, mehr Zeit und Energie. Das wirkt sich zweitens auf die Qualität der Beziehungen aus. Dann bin ich nicht nur statisch, sondern dynamisch vernetzt (Austausch, Dialog und so). Und welcher Kontakt findet es toll, einfach nur zur Statistikaufwertung benutzt zu werden?

Echtes Interesse

Welche Kontakte ich in meinen sozialen Netzwerken zulasse, hängt also auch von meiner Erwartungshaltung ab. Wer sich dort austauschen sowie informieren will und nicht nur mit Freundeszahlen glänzen möchte, sollte einerseits offen sein, andererseits jedoch genauer hinschauen. Denn echte Beziehungen – online oder offline – leben von echtem Interesse an der Person bzw. an ihren Themen. Dieser Leitsatz kann die Einordnung von Kontaktanfragen erleichtern.

Denn um ehrlich zu sein: Menschen zu denen ich keinen Draht habe und keinerlei Anknüpfungspunkt sehe, kann ich schwerlich echtes Interesse entgegenbringen. Und das gestehe ich umgekehrt auch anderen zu.

[message_box title=“Lisa Schreiber“ color=“blue“]Als studierte Linguistin und Digital Native ist Lisa Schreiber von Kommunikation und den Möglichkeiten der digitalen Vernetzung seit jeher fasziniert. Die Beschäftigung mit der Online-Welt bereichert ihr Leben nicht nur privat, sondern auch ihre Tätigkeit als PR-Beraterin bei Cortent Kommunikation. Zu finden u. a. auf Google+, Twitter und Xing.[/message_box]

2 Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.