Heute morgen hörte ich im Radio: Herr Kirchhof regt eine Rentenreform an, mit der die Rentenversicherung vom bestehenden Umlageverfahren (Jüngere bezahlen die Rente der Älteren) auf ein Verfahren mit Kapitaldeckung (Jeder zahlt in seine Rentenversicherung ein und erhält davon dann später seine Rente) umgestellt wird. Er steht damit offensichtlich im Widerspruch zu der Meinung der CDU/CSU.

Kirchhof? Sie erinnern sich? Der Visionär mit dem einfachen
Steuermodell als Kämpfer für die CDU/CSU? Der designierte
Finanzminister in der "Angie"-Regierung unter Angela Merkel?

Damals (ach, das ist ja schon ein paar Tage her) las ich in der Presse die Schlagzeile:

Merkel bremst Kirchhof

Herr Stoiber vollzog den Schulterschluß mit "Angie" und erteilte
der Vision von Herrn Kirchhof eine Absage – zumindest für die nächste
Legislaturperiode unter Stoiber "Angie". Doch: Halt, Stop! Fehlte nicht ein kleines Wörtchen? Mußte die Schlagzeile nicht lauten:

Merkel bremst Kirchhof aus

Denn darin ist "Angie" ja geübt, das kann sie. Schließlich bremste sie bereits im letzen Jahrtausend, Ende der Neunziger, unseren Helmut (Bingo: "Kohl" heißt unser Helmut!) aus. Ruck zuck, das kann "Angie". Da fragt man sich: Woher nimmt diese früher so unscheinbare Frau nur ihre Energie?

So fragte ich mich vor ein paar Tagen nach der Offensive für die einfache Steuerreform: Reitet Herr Kirchhof da nicht für die falsche Partei eine Attacke? Und jetzt kommt Herr Kirchhof wieder mit der Idee für eine Reform, für die die Kollegen von der CDU/CSU nichts übrig haben werden. Also nochmal: Reitet Herr Kirchhof da nicht für die falsche Partei eine Attacke?

Andererseits: Mit welcher Partei ließen sich die Visionen des Herrn Kirchof umsetzen? Jetzt, zumindest gleich oder wenigstens bald?

Meine Meinung: Visionen müssen in der gegenwärtigen Situation unserer Gesellschaft nicht nur sein – sie müssen auch angegangen werden. Jetzt, zumindest gleich. Bald wäre am wenigsten. Viel Glück Herr Kirchhof. Aber vielleicht sollten Sie Ihre eigene Partei gründen…

[ Tagesspiegel online: Interview mit Paul Kirchhof (9.12.2003) ]