Pfarrer und Wilderer

Pfarrer und Wilderer

Zwei ungleiche Brüder treffen sich nach Jahren wieder. Der eine kehrt zurück, während der andere der Gesellschaft den Rücken zugekehrt hat. Die zeitgenössischen Erzählung von Julius Mühlfeld dreht sich um Ansehen, Gesellschaft, Mißverständnisse, Verbrechen, Liebe und Eifersucht – wobei die Zeit vor etwa 140 Jahren war.

In Weinheim spielt sich ein Drama mit zwei Brüdern ab. Xaver Haever gehört zum Establishment, während sein Bruder Peter ein Renegat ist, der sich gegen die Gesellschaft und ihre Konventionen auflehnt. Peter kommt dank seiner aufbrausenden Art immer wieder und immer öfter mit der Gesellschaft, der Polizei und dem Militär in Konflikt – auch deswegen, weil er wildert. Xaver versucht ihm in seiner manchmal unbeholfenen wirkenden Art zu helfen, doch auch er ist in einem Korsett aus Konventionen: Er ist Pfarrer und quasi zu Gehorsam verpflichtet. Er wird nachdenklich, als er mit der Doppelmoral der Kirche konfrontiert wird. Letztendlich bleibt er in seiner Nachdenklichkeit aber voller Unsicherheit, und das Drama um seinen aufbrausenden Bruder nimmt seinen Lauf.

Die Erzählung

Die Erzählung spielt in der zweiten Hälfte des vorletzten Jahrhunderts, die erste Veröffentlichung erfolgte 1872. Wer also einen Wortschatz und einen Stil á la “Eh krass, Alter” erwartet, der ist auf dem Holzweg. Es gibt verschachtelte Sätze, lange Sätze und Absätze, einen Stil sowie eine Rechtschreibung aus dem vorletzten Jahrhundert.

‘Auch in der Kirche war ich und lauschte ergriffen Deiner Worte. Mir däuchte es, man könne dem glauben, was Du sagtest. Ich wollte Dich nach der Messe aufsuchen; es kam jedoch – etwas dazwischen – – Du kennst das nicht, Xaver; aber es giebt Gesichter im Dorfe, die mir das Blut über das Gehirn treiben –!’ Er sprach die letzten Worte mit einer, vor gebändigter Wuth zitternden Stimme, kniff das Tuch, das er noch immer in der Hand hielt, in der Faust zusammen und schleuderte es heftig bei Seite, während er höhnisch auflachte.

Nach einer kurzen Eingewöhnung konnte ich der Erzählung jedoch flüssig folgen und brauchte für die etwas über 100 Seiten ungefähr zweieinhalb Stunden (ich lese allerdings auch recht schnell). Xaver ist ein unsicherer Pfarrer auf seiner ersten Stelle, er wird zwischen Gefühlen, Ansprüchen, Familie und Pflichterfüllung hin und her gerissen. Peter hat ständig Wutanfälle, die seinem Gefühlsleben und seiner Verliebtheit in die Nachbarstochter geschuldet sind. Zu unserer Zeit wäre Peter vielleicht ein Dieb oder Einbrecher, der sich mit kleinen Verbrechen über Wasser hält, der aber immer krimineller wird. Die Beschreibungen wirken für die heutige Zeit manchmal recht gestelzt, aber…

Pfarrer und Wilderer - Impression

Aber die Beschreibung der Protagonisten und der Verschwörungen bleibt spannend. Wären es nur die beiden Brüder, so hätte ich den Roman wohl irgendwann beiseite gelegt. So aber halten die Mutter, die Schwester, der Nachbar mit Sohn und Tochter, Verliebte, Verlobte, Verbrecher und unmoralische Pfarrer die Erzählung spannend sowie abwechselnd und mich bei der Sache. Für mich war die Geschichte eine willkommene und spannende Abwechslung.

Wenn Sie also einen historischen Roman aus dem Rheinhessischen für einen Winterabend zum Lesen oder zum Verschenken möchten, dann schauen Sie sich die Beschreibung auf Neuebuecher.de einmal an:

Pfarrer und Wilderer.

Frei-Weinheim bei Ingelheim?

In einem Vorwort geht der Verlag auf die Suche nach dem Ort Weinheim, in und um den die Handlung spielt. In der Erzählung werden der Wein, die Weinlese und der Weinbau oft erwähnt. Auch weitere Aspekte wie eine alte Heerstraße, die Eisenbahn, die kurfürstliche Residenz oder der nahe Rhein bewegen den Verlag zur Vermutung, es handele sich bei dem Örtchen Weinheim aus der Erzählung um den Ingelheimer Ortsteil Frei-Weinheim.

Für mich gibt es drei Punkte, die dagegen sprechen:

  • Xaver ist zumindest heutzutage kein typischer Vorname für die Gegend um Ingelheim
  • Die oft erwähnten Berge rund um Weinheim sind bestenfalls Hügel, und auch die sind einige Kilometer entfernt
  • In der Erzählung ist von Wald die Rede, doch rund um Ingelheim gibt es nicht viel Wald. Möglicherweise aber gab es vor 130 Jahren noch mehr davon.

Wie der Verlag jedoch im Vorwort bei der Suche nach dem Weinheim ausführt, gibt es keine Klarheit. Von der sonstigen Beschreibung her, auch des ländlichen Lebens, könnte es zumindest das rheinhessische Frei-Weinheim sein. Wenn Sie aus der Gegend sind, dann können Sie ja einmal auf Spurensuche gehen :-)

Rezensionsexemplar

Rainer Aschemeier vom gleichnamigen Verlag aus Weinheim (an der Bergstraße) kontaktierte mich vor ein paar Tagen. Er beschrieb den Roman, die regionalen Querverweisen und bot mir ein Rezensionsexemplar.

Was mich zur Rezension bewog? Die Kürze, die Vielfältigkeit und die Herausforderung, wieder einmal einen gänzlich anderen Schreibstil zu lesen.