Eric Burke zeigt in seinem Artikel "Simplicity" einen Cartoon, der Unterschiede in der Usability verschiedener Anwendungen verdeutlicht:

  1. Typical Apple Product (ein "Touch"-Button)
  2. A Google Product…" (ein Eingabefeld und ein "Find"-Button)
  3. Your Company’s App… (viele, viele Eingabefelder, ein Scrollbalken, ZEHN Buttons)

[ via Communixx ]

Einflussfaktoren 

Tatsächlich geht es nicht um die Anwendung an sich, sondern um das entsprechende Projekt bis zur Anwendung (es muss ja nicht immer eine IT-Anwendung sein, es kann auch ein Ablauf außerhalb IT sein). Mögliche Einflussfaktoren sind:

  • Jeder will etwas zu der Anwendung (auch jedem x-beliebigen Thema) leisten beitragen.
  • Jeder will sich mit seinem Beitrag durchsetzen.
  • Keiner will darüber entscheiden, den Beitrag eines anderen wegzulassen (außer, er will dem anderen "zeigen, wo der Hammer hängt"). Man könnte den anderen noch für ein wirklich wichtiges, eigenes Projekt benötigen.
  • Keiner will seinen eigenen Beitrag hinreichend konkret und "vernünftig" formulieren. Zumindest nicht schriftlich.
  • Jeder will "natürlich", dass strukturiert und zielorientiert bei der Erstellung der Anwendung vorgegangen wird.
  • Für die Anwendung gibt es einen konkreten und akuten Bedarf, d.h. jemand hat sich laut beschwert (z.B. ein wichtiger Kunde oder noch wichtiger: Ein Investor).
  • Keiner, der auf die Anwendung besteht, verschwendet unnötig die Zeit damit, die Ziele für die Anwendung auszuformulieren oder den strategischen Rahmen vorzugeben ("Machen Sie mal was, aber vergessen Sie nichts! Sie wissen ja schon, was ich und das Unternehmen wollen! So, ich muss jetzt weg.").
  • Jeder will "immer über alles rechtzeitig" informiert sein.
  • Jeder vergisst die Anwendung, nachdem sie einmal implementiert wurde … bis es wieder einen konkreten und akuten Bedarf gibt.

Übrigens: Jeder der Beteiligten kauft gerne auch mal bei Amazon ein. Dort hat er natürlich den patentierten "One-Click-Buy"-Button aktiviert. Weil es so schön einfach und schnell geht.

Und dann gibt es oft noch den ….

Workflow!

In "Your Company’s App…" verbirgt sich hinter dem Button "OKAY" ein Workflow, in den die Eingaben einfließen. Dieser Workflow stellt das Herzstück der Anwendung dar, erforderte mindestens 20 Prozent des Projektaufwandes und bildet 1 bis n (eher n als 1) Prozesse des Unternehmens ab. Der Workflow wird typischerweise implementiert aufgrund von Anforderungen der folgenden Stellen:

  • Vorstand bzw. Geschäftsleitung
  • Organisationsabteilung
  • Revision
  • Wirtschaftsprüfungsgesellschaft
  • Behörde (d.h. im Allgemeinen ein im Gegensatz zum eigenen Unternehmen verbürokratisiertes Amt) 

Üblicherweise gibt es für den Workflow jedoch keine genauen schriftlichen oder gesetzlichen Vorgaben, aber die Stellen haben eine Empfehlung oder einen Wunsch geäußert. Zumindest hat einer der Beteiligten davon gehört. Alle Beteiligten sind begeistert, weil sie durch den Workflow auch wirklich beteiligt sind.

Dieser Workflow durchläuft folgerichtig alle beteiligten Organisationseinheiten. Die Personen der jeweiligen Organisationseinheinen geben jeden einzelnen Vorgang entweder

  1. sofort frei (ohne ihn sich überhaupt anzusehen) oder 
  2. belassen den Vorgang solange im Arbeitvorrat, bis sich jemand beschwert. Dann geben sie ihn sofort frei.

Insbesondere im zweiten Fall beginnen die "Freigeber" umgehend über die Richtigkeit des Workflows und der Anwendung an sich mit allen Beteiligten zu diskutieren. Dies erfolgt prozessoptimiert mit mindestens zweien dieser Techniken:

  • Ketten-Emails 
  • Mehrere Meetings mit allen (zumindest den "wichtigen") Beteiligten
  • Politische Einzelgespräche beim Lunch in Abfolge mit allen "wichtigen" Beteiligten

Die "wichtigen" Beteiligen stellen fest, dass es einen konkreten und akuten Bedarf gibt. Und dann …