Im Blog des Harvard Business Manager Online veröffentlichte gestern Johann Füller ("lehrt am Institut für Strategisches Management, Marketing und Tourismus an der Universität Innsbruck") einen Artikel über Innovations-Management ("Wie Innovations-Management 2.0 funktioniert"):

Der klassische Weg, neue Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln, führt immer häufiger in eine Sackgasse. Unternehmen müssen sich nach innen und nach außen öffnen. Nur dann können sie von der enormen Kreativität und dem großen Wissen der Mitarbeiter, Kunden und Internetnutzer profitieren. Damit dies ein Erfolg wird, ist allerdings ein tief greifender Kulturwandel nötig. Was meinen Sie? Diskutieren Sie mit.

In seinem Beitrag stellt Füller Punkte zu Führung und der Unternehmenskultur, Organisatorisches und konkrete Möglichkeiten vor, um in Organisationen Innovationsprozess zu öffnen:  Innovationskultur, Unternehmergeist, Ziel- und Managementsystem, Umsatz- und Ergebnispotenzial, Aufforderung zum Experimentieren, Erfinderbudget, Verknüpfung von Design und Marktforschung, Einbindung aller Mitarbeiter, Akzeptanz externer Lösungen, Breite Unterstützung, Spielerischer Umgang, Flexible Netzwerke, Mitmach-Plattformen und Verteilte Innovation. Ein großer und bunter Strauß also.

Zum Schluss verweist Füller auf die Befremdlichkeit eines Innovationsmanagements 2.0 für viele Führungskräfte und darauf, dass es zahlreiche Praxisbeispiele gäbe. Und er fordert seine Leser heraus:

Stellt sich nur noch die Frage: Was halten Sie von diesen Ansätzen? Welche davon werden in Ihrem Unternehmen bereits berücksichtigt?

Ich bin auf Ihre Kommentare und Erfahrungen gespannt. 

Bei solchen Begriffen (wie beispielsweise Aufforderung zum Experimentieren, Einbindung aller Mitarbeiter) fällt bei mir der Widerstand zum Kommentieren gegen Null. Spätestens, als ich den Begriff "Kultur" las, war es damit also vorbei. So kommentierte ich denn auch und stellte sofort fest:

Gibt es wirklich so Wenige, die hier kommentierten? Bin ich einer der Ersten? In die Unternehmenswelt übertragen könnte dies dafür stehen, woran ich den häufigsten Hinderungsgrund für Innovationen im Unternehmen sehe: Eine nicht angepasste Unternehmenskultur des Dialogs und der Offenheit.

Zu sehr sind die meisten Unternehmen gerade in Deutschland noch auf "Command and Control" mit einer hierarchischen Kultur geeicht. Dies verhindert dann, dass Mitarbeiter etwas "versuchen" oder aktiv neue Möglichkeiten angehen. Dazu braucht es ein Umfeld, in dem intrinsische Motivation überhaupt zugelassen wird. Nach wie vor wird jedoch versucht über die Motivation von außen wie Boni, Dienstwagen etc. zu erreichen. Doch eine Kultur der Fehlertoleranz ist dadurch kaum möglich – erst recht nicht ein spielerisches "Management by Gaming".

Doch dazu braucht es nicht nur eine offene Kultur sondern auch Zeit. Shareholder-Value ist immer noch der primäre Gedanke, wie viele Unternehmen geführt werden. Innerhalb von wenigen Monaten lassen sich dadurch keine bahnbrechenden Änderungen herbeiführen. Solange die Gesellschaft in Deutschland mit ihrer Berichterstattung zu jedem Geschäftsbericht, Quartalsbericht, Medienmitteilung etc. genau darauf abhebt, solange werden sich nur wenige Unternehmen gegen diesen Strom stellen.

Sind wir doch schließlich gerade erst so richtig in der Bildung in den Bologna-Prozess eingestiegen, wodurch die Studierenden auf Zeit, Punkte, Anwesenheit, kurzfristigen Erfolg getrimmt werden. Wie sollen die Führungskräfte von morgen solche abwegigen Ideen wie die im Artikel beschriebenen nur im Ansatz nachvollziehen können?

Ist Innovationsmanagement 2.0 also wirklich eine Frage des einzelnen Unternehmens sondern nicht eher eine Frage der Gesellschaft?

Ach, auch wenn ich auf einer Fachhochschule war (denen bekanntermaßen ein eher schullastiger Betrieb nachgesagt wird): Wie sehr wünsche ich unseren heutigen Studenten eine solche Zeit!

Nachtrag:

Mir ist inzwischen klar, warum dort so wenig kommentiert wurde. Der Artikel hat vier Seiten. Erst auf der vierten Seite gibt es das Kommentarfeld. Und erst auf einer separaten Seite, auf der fünften Seite werden einsam und alleine die Kommentare gelistet.

Wie wäre es also mit ein bisschen Innovation beim Harvard Business Manager Blog und Kommentarmöglichkeit sowie Kommentare auf jeder Seite? Beispielsweise so, wie es die ZEIT macht;-)

Noch ein Nachtrag

Auf Hyperkontext beschreibt Gerald Brozek das Anti-Beispiel einer Führungskraft "Karli Manager" baut nämlich kommunikativen Mist. Doch dann kommt "Mutig Manager" ist das Anti-Anti-Beispiel einer Führungskraft, die kommuniziert, mit gutem Beispiel vorangeht und motiviert. Lesenswert:

"Enterprise 2.0: Weblog als Führungsinstrument"

Und noch ein Nachtrag

Tatsächlich: RSS gibt es immer noch. Ich nutze meinen RSS-Reader immer noch. Und das funktioniert. Beide Artikel fand nämlich dort – gänzlich ohne Twitter, Facebook und Co  :-)

Und schon wieder ein Nachtrag

Weil der Artikel so gut zum Themenkomplex Offenheit und Engagement und Neues passt: "Warum Social Media scheitert – manchmal" von Olaf Kolbrück:

Grund zwei: Warum Unternehmen im Social-Media-Umfeld aber vor allem so attraktiv wirken wie Karl Napp der Abwaschbare liegt daran, dass sie zwar als großer Gastgeber auftreten möchten, dafür aber kaum einen Cent ausgeben wollen.

[…]

Ach ja. Unternehmen müssen dann auch noch beim Denken etwas ändern. Ihr entlarvendes und mantraartiges Bekenntnis zu mehr Kundenorientierung, das gegenwärtig klingt, als habe man im Excel-Sheet ein neues Nielsen-Gebiet entdeckt, auch mal denken (nicht nur aufsagen), das ist noch eine ganz andere Baustelle auf der Partymeile Internet.

Erstens: Ausgeben bedeutet nicht nur "Cent" sondern auch Zeit, Engagement, Nähe.

Zweitens: Ersetze "Kundenorientierung" durch "Mitarbeiterorientierung"

Drittens: Rüber zu Olaf und lesen.

Viertens: Gefunden ganz ohne RSS sondern mit Twitter.

Fünftens: Jetzt ist hier definitiv mit Nachträgen – zumindest für heute morgen. Ab ins Büro und heute Abend zum 6. Weltverbesserer Twitteressen in Frankfurt.